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Online Journal für populäre Kultur

What‘s Eating Sasha Grey

by Sebastian Ladwig

Am Ende bleibt es langatmiges Rumgeficke auf über 300 Seiten. Die Juliette Society, der Debütroman der ehemaligen Pornodarstellerin Sasha Grey, überzeugt trotz einiger mäßig interessanter Ansätze nicht. Die oft als Postfeministin beschriebene Autorin exerziert parareligiösen Spermakult und die unbedingte Verbindung von Sex und Macht. Dabei liefert sie ihre Protagonistin zu leicht einer Männerwelt aus, in der auch der Geschlechtsverkehr von kapitalistisch obszöner Maßlosigkeit geprägt ist

Am 13. März 1988 starb John Holmes, der größte Pornostar seiner Generation und der erste, der es trotz einer Karriere in einer tabuisierten Industrie zum Popstar geschafft hatte. Seine Reinkarnation ließ nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, am 14. März 1988, erblickte Marina Ann Hantzis das Licht der Welt.

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23 Jahre und rund 200 Hardcore-Filme später beendete die mittlerweile unter dem Pseudonym Sasha Grey bekannte Schauspielerin ihre Karriere in der Sexfilm-Industrie. In fünf aktiven Jahren ist sie zu einer Ausnahmeerscheinung der zeitgenössischen Popkultur geworden und nennt sich heute auch Autorin, Fotografin, Musikerin, Filmproduzentin. Ist Sasha Grey eine Künstlerin auf der Höhe ihrer Zeit oder nur ein weiteres Mädchen, das in einer zweifelhaften Industrie Sex vor der Kamera hatte?

Während Holmes den Ausstieg aus der Industrie sowohl finanziell wie auch persönlich nie verkraftet hat und letztendlich an exzessivem Drogenkonsum gestorben ist, wirkt Grey in ihren Interviews sehr gefasst. Sie zitiert Nietzsche und die Regisseure der Nouvelle Vague. Irgendwie will das beliebte Etikett des naiven Mädchens, das aus sexueller Unsicherheit zu früh von der menschenverachtenden Maschine Pornoindustrie ausgenutzt wurde, nicht an ihr haften bleiben.

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Superheldenjäger mit Legitimationsproblem

by Julian Dörr

Im US-TV legte Agents of S.H.I.E.L.D., ein Spin-Off aus dem Universum der Marvel-Superhelden-Filme, gerade den besten Serienstart seit vier Jahren hin. Doch erscheinen die Geschichten rund um geheimdienstliche Überwachung und den Schutz der Bürger im Zeitkontext nun wie eine Versöhnung Amerikas mit der NSA. Ein Why We Fight für die Internetgeneration

Wäre Franz Kafka ein zeitgenössischer Autor, der berühmte erste Satz seines Romans Der Prozeß würde wohl wie folgt lauten: „Jemand musste die Datenströme des Josef K. überwacht haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Die Verleumdung, die Denunziation von Individuen durch Individuen, erscheint im Jahr des Edward Snowden und der NSA-Affäre wie ein immer schwächer werdender Funkspruch aus einer vergessenen analogen Welt.

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Bespitzelung im großen Stil. Von jeher war sie das Steckenpferd der Geheimpolizei in totalitären Staaten. Gestapo, Stasi, die fremden Männer in Josef K.s Zimmer. Das Erschütternde an den Enthüllungen Snowdens, eines ehemaligen Mitarbeiters der amerikanischen National Security Agency (NSA), zeigte sich jedoch in der Bestätigung düsterer Vorahnungen. Technischer Fortschritt führt zu effektiverer Überwachung. Ein System vor dem selbst große Demokratien wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien nicht zurückschrecken.

Die westliche Welt steht deshalb heute vor einem Legitimationsproblem. Ist diese organisierte Überwachung von weltweiten Datenströmen tatsächlich die einzige Möglichkeit zur Wahrung der Sicherheit des Einzelnen? „Defending Our Nation. Securing The Future“, verspricht der Schriftzug auf der offiziellen Seite der NSA. Und auch der deutsche Innenminister Friedrich sprang reflexartig hinterher in diese Nesseln, als er das „Supergrundrecht“ der Sicherheit ausrief.

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Ich werde hier sein im Sonnenschein

by Sebastian Ladwig

Die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die bisher mit Dokumentationen wie Weil der Mensch ein Mensch ist und Die große Pyramide in Erscheinung getreten ist, hat ihren ersten Spielfilm gedreht. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht, dessen umstrittener, großartiger Abenteuerroman Imperium im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte

Finsterworld ist ein Film, wie man ihn in Deutschland so eigentlich nicht kennt, der aber gleichzeitig nur hier entstehen konnte. Diagnostisch, schwer greifbar, sehnsüchtig und wahrhaftig. Vielleicht bedurfte es dem weltreisenden Ehepaar Finsterwalder/Kracht, um einen Blick zu finden, der gleichzeitig von innen und außen auf die Bundesrepublik gerichtet ist.

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Der episodisch erzählte Film spielt, anders als es der Titel erwarten lässt, in einem Parallel-Deutschland, in dem immer die Sonne scheint. Die Finsternis herrscht im Seelenleben der Protagonisten. Es gehört zur filmeigenen Dialektik, dass die visuelle Ebene kontrapunktisch zur Handlungsebene verläuft. Bereits die ersten Bilder, die man zu sehen bekommt, muten aufgrund des sie begleitenden Cat-Stevens-Songs fast kitschig an, führen aber doch direkt hinein ins Herz der Finsternis eines sterbenden Landes, das bewiesen hat, dass es kein Talent für Utopien hat und nun in der Ödnis versinkt.

Die Schulklasse auf KZ-Ausflug grüßt ihren Lehrer mit „Heil Hitler“ und dann sind doch alle sprachlos, wenn sie in ihren Schuluniformen in Auschwitz stehen. Der Lehrer Nickel, möglicherweise an Krachts Weggefährten und früheren Co-Autoren Eckhart Nickel angelehnt, kommt der Blaupause des tragischen Helden noch am nächsten. Er belehrt pausenlos und bietet mit seiner ununterbrochenen Bewusstmachung die einzig mögliche Antwort auf den Umgang mit dem eigenen Deutschsein.

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Der Mythos des Narziss

by Julian Dörr

Einer der produktivsten Filmemacher der vergangenen Jahrzehnte verabschiedet sich mit einem campy Schwanengesang voller Glitzer und geglätteter Gesichter. Zum Abschied schenkt Steven Soderberghs angeblich letzter Film Behind the Candelabra dem Kino ein kleines Epos der Selbstoptimierung

Kalifornien. Das Land, in dem Smoothies und Energydrinks fließen. Wo die Schönen noch schöner sind und die Reichen noch reicher. Wo die Eroberung des Westens auf die physische Grenze des Pazifiks stieß. Und wo der amerikanische Glaube an die ständige Verbesserung des Lebens durch Technik und Willensstärke bis heute immer neue Start-Ups, Selfmade-Millionäre und Lebenskünstler hervorbringt. Zwischen diesem Kalifornien und Las Vegas, Metropole der Künstlichkeit, verlief das Leben des Walter Liberace. Prunk-Pianist, Popstar, Egomane.

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Diesem Menschen hat nun Steven Soderbergh, der große Workaholic des US-amerikanischen Films, der ewige Spurwechsler zwischen Independent-Perlen und Hollywood-Blockbustern, seinen letzten Film gewidmet. Behind the Candelabra ist ein Fernsehfilm für nicht-amerikanische Kinoleinwände, eine Produktion des Bezahlsenders HBO. Und ein Biopic über das Leben des Liberace, einer der hellsten Sterne am Firmament der Glitzerstadt Las Vegas.

Ein Mann, besessen von Luxus und Kitsch, vom überbordenden Prunk eines Ludwigs II. von Bayern. Aber vor allem besessen von sich Selbst. Ein nach langer Krankheit wiederkehrender Michael Douglas taucht diesen heimlichen Homosexuellen in ein Wechselbad aus verletzlicher Zartheit und eiskalter Zielstrebigkeit.

Behind the Candelabra erzählt von einer Liebesgeschichte hinter den Kulissen, verschlossen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der alternde Entertainer Liberace verfällt dem blonden Adonis Scott Thorson (Matt Damon). Umgeben von Jacuzzis, Putten und meterlangen Pelzmänteln entwickelt sich ein außergewöhnliches Liebesverhältnis.

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Geschichten aus dem Hinterwald

by Julian Dörr

Casper, die große Hoffnung der deutschen Musiklandschaft, veröffentlicht sein drittes Album Hinterland. Und die Presse liegt ihm zu Füßen. Dabei ist beim Grenzgänger des Raps nicht mehr zu holen als ein paar billige Amerika-Klischees und ziellose Straßenkampf-Lyrik

„What can a poor boy do except to sing in a rock ’n’ roll band?“, krakeelte vor mehr als 40 Jahren ein zorniger Mick Jagger. Das war 1968, in „sleepy London town“ gab es keinen Platz für einen jungen „street fighting man“ wie ihn. Es war die Zeit der Studentenproteste, der Bürgerrechtsbewegung. Rock ’n’ Roll war Rebellion. Und die Welt im Umbruch.

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Die Zeiten haben sich geändert. Oder etwa nicht? Schenkte man im Sommer 2011 dem deutsch-amerikanischen Rapper Casper Gehör, musste man zwangsläufig einen anderen Eindruck bekommen. Damals stilisierte das Video zum Opener seiner Chartstürmer-Platte XOXO den Straßenkampf in Schwarz. „Der Druck steigt!“, krächzte Casper. Und warf mit allerhand Parolen aus dem Lehrbuch des angry young man um sich. „Raus auf die Straßen!“, „Lauf um dein Leben!“, „Wir holen zurück, was uns gehört?“ Ja, was eigentlich?

Eine Antwort auf diese Frage blieb der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, schuldig. Handelte es sich bei all der Rebellionsromantik etwa um eine Kritik am Finanzkapitalismus? Um einen Aufschrei der ohnmächtigen Jugend Europas im Angesicht ihrer unverschuldeten Unmündigkeit in der Krise? Mitnichten. Viel eher um ein Ventil individuellen Unbehagens. Ein befindlichkeitsfixierter Aufstand, um es mit den Worten Marcus Wiebuschs zu sagen, des drögen Barden neuer deutscher Bürgerlichkeit.

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Fünf Alben westwärts

by Julian Dörr

Uh, la, la, la. Shoo bab, shoo bab. Da war doch noch wer? Zwischen Großbritannien und den USA, zwischen zuckrigem Sixties-Pop, fetten Black Sabbath-Riffs und sexy Hüftschwung haben die Exil-Briten der Arctic Monkeys doch tatsächlich ihr Meisterwerk versteckt

Fortschritt durch Technik. Eine dieser unerschütterlichen Weisheiten Amerikas. Es geht immer höher, weiter, besser, effektiver. Und schneller. Spätestens die digitale Revolution der vergangenen Jahrzehnte und die massenhafte Verbreitung des Internets haben noch ein paar Extra-Kohlen in die Öfen des Fortschritts gefeuert. Die Geschwindigkeit neuer Entwicklungen steigt exponentiell, Trends rasen nur so an uns vorbei.

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Erinnert sich noch jemand an Myspace? Dort hörte man sich in den ersten Jahren des jungen Jahrtausends (soll heißen: in den Jahren vor Facebook) tatsächlich die Musik neuer und heißer Bands an. Und die neuste und heißeste Band hieß 2006 Arctic Monkeys. Eine Bande bleicher, straßenschlauer lads aus dem britischen Sheffield, die ihre Gitarren knapp unter dem Kinn trugen und zum ersten demokratischen Hype des Internetzeitalters wurden.

Es war mal wieder eine gute Zeit für die Pop-Nation Großbritannien. Eine neue Generation von Insel-Bands war in aller Munde und Ohr. Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not, das Debüt der blutjungen Mannen um Sänger Alex Turner, bildete die Speerspitze einer ganzen Reihe erfolgreicher Exportschlager. Und schmeckte nach Zigaretten, Pub-Gelage und dem Schweiß durchtanzter Nächte.

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Kakophonie der Großstadt

by Dennis Pohl

Julia Holters drittes Album Loud City Song führt den Hörer durch Los Angeles. Anhand der Vorlage eines Romanes der französischen Schriftstellerin Colette durchstreift Holter ihre Heimatstadt. Sie findet eine malade Mixtur aus Gossip, Starkult und viel Lärm um nichts. So richtig Pop möchte sie dabei nicht sein – und führt dennoch den Pop zurück zu sich selbst. Ein großes Album

In Vincente Minellis Verfilmung des Musicals Gigi aus dem Jahr 1958 gibt es folgende Szene: Ein Salon der Belle Époque. Ausgelassene Stimmung, es wird gelacht und getrunken. Eine junge Frau betritt in Begleitung eines Mannes der Upper Class den Raum. Plötzliche Stille. Die anwesenden Damen und Herren beginnen synchron zu tuscheln, beobachten sie unentwegt. Kurz darauf setzt die Musik wieder ein, die Party geht weiter. Der Name des Lokals: Maxim‘s.

© Elisabeth Heine

© Elisabeth Heine

Es ist eine eigenartige Szene. Einerseits scheint Maxim‘s ein durchaus freundlicher Ort zu sein. Man lebt, man liebt, ist in guter Gesellschaft. Auch besagte Blicke der Gäste sind durchaus anerkennend. Andererseit jedoch schwingt in diesen Bildern das beklemmende Gefühl der Beobachtung durch andere mit. Man wird Zeuge einer aufgeregten Öffentlichkeit, die nach Geschwätz und Skandälchen giert. Betritt die junge Dame diesen Raubtierkäfig, wird sie von Blicken durchbohrt, bewertet und kritisch beäugt.

Eben jenes Gefühl zwischen Grandezza und klaustrophobischer Enge überträgt Julia Holter in die beiden nach besagtem Lokal benannten Kernstücke ihres dritten Albums in drei Jahren, Loud City Song. Das großartige „Maxim‘s I“ beginnt mit dem analogen weißen Rauschen klirrender Cymbals und mündet in einen Popsong von traumwandlerischer Größe. „Tonight the birds/Are watching me/Do they have/More important things to do?“ Ein Schelm, wer angesichts dieser Vögelchen an Twitter denkt.

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Die amerikanische Nacht

by Julian Dörr

Eine Woche im Bannkreis des Kinos ist zu Ende. Zum Abschluss des 31. Filmfests München, eine Reise durch den zeitgenössischen, amerikanischen Film. Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen

Das Schwarz-Weiß-Bild ist ja prädestiniert für diese Art von Film. Da wird ein Gesicht in der Nahaufnahme zur Ikone. Da werden Falten zu Gräben, Schatten unter den Augen zu schwarzen Löchern. Die schweizerische Regisseurin Sophie Huber hätte also für ihr intimes Portrait des amerikanischen Schauspielers Harry Dean Stanton keine geeignetere Ästhetik finden können.

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Und auch die Umstände, unter denen dieser absolute Geheimtipp des diesjährigen Münchner Filmfests gezeigt wird, könnten intimer nicht sein. Draußen hält der Sommer endlich Einzug in der Stadt. Drinnen, das sind die spärlich besetzten Reihen im kleinsten Saal des Kinos an der Münchner Freiheit, erhebt der alte Mann auf der Leinwand wieder seine Stimme zum Gesang.

Ganz behutsam tastet sich die Dokumentation Harry Dean Stanton: Partly Fiction an diesen Mann heran, der lieber singt, als dass er aus seinem langen Leben erzählt. Sie lässt berühmte Filmpartner (David Lynch, Kris Kristofferson) ebenso zu Wort kommen wie persönliche Weggefährten. Herzergreifend die Begegnung mit dem Barkeeper, der Stanton seit 1968 seine Drinks serviert.

Seine Auslassungen sind die Stärken dieses Films, der am Ende doch einen Einblick in die wundersame Persönlichkeit seines Protagonisten gewährt. Harry Dean Stanton, der Tiefstapler und Schweiger, ist fasziniert und überzeugt von der Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz im großen Ganzen des Universums. Wie er denn erinnert werden möchte? „Doesn’t matter.“

Das amerikanische Kino. Der ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton prägt es seit Jahrzehnten. Er hat sie alle erlebt, die großen Ab- und Aufschwünge des Films in Amerika. Das Ende des Studiosystems, New Hollywood, die Postmoderne unter David Lynch. Doch wo steht das amerikanische Kino, einer der Schwerpunkte des Filmfests München, heute? Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen.

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In jedem Traumhaus ein Herzschmerz

by Julian Dörr

Hoch lebe das Kino der Lüge! Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino inszeniert in La Grande Bellezza das große, bedeutungslose Blabla des Lebens. Eine meisterliche Hymne auf die Leere der Ewigkeit, die Macht des Films und die Magie der Imagination

Es gibt Filme, die den Zuschauer schlicht überwältigen. Mit dem zauberhaften Duktus ihrer Erzählung, mit der Schönheit ihres Sujets, mit der somnambulen Macht ihrer Bilder, mit dem alten Tanz von Realität und Fiktion. Filme, die Ehrfurcht lehren vor der betörenden Magie des Kinos. Filme, die es einem schwer machen, in die Welt draußen vor dem dunklen Saal zurückzukehren. Filme, die ein Menschenleben verändern können.

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François Truffauts schönste Arbeit, L’Homme qui Aimait les Femmes, ist so ein Film. Oder Yasujiro Ozus Generationen-Meditation Tokyo Monogatari. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino hat sich nun eingereiht in die Riege dieser Leinwandmagier. Sein neuer Film La Grande Bellezza ist ein majestätisches Meisterwerk. Und der filmische Höhepunkt des diesjährigen Münchner Filmfests.

Im Zentrum steht überlebensgroß Sorrentinos Haus- und Hofschauspieler Toni Servillo als alternder Lebemann Jep Gambardella. Er ist der Mittelpunkt, um den sich das Leben der römischen upper class dreht. Desillusionierte Intellektuelle, verarmte Aristokraten, koksende Schauspielerinnen und lukullische Kardinäle. Sie alle treffen sich auf Jeps Terrasse, zu dekadenten Festen oder intimen Gesprächsrunden. Und immer zum Greifen nahe, das Kolosseum, dieses ewigste Bauwerk der Ewigen Stadt.

Paolo Sorrentino inszeniert Rom, die heimliche Hauptdarstellerin von La Grande Bellezza, mit traumwandlerischer Traurigkeit. Sakrales und Profanes mischt sich auf den gepflasterten Straßen. Doch in all den Prachtbauten und Traumvillen, hinter all den Selbstdarstellern und Lebenskünstlern, wohnt eine gähnende Leere, eine schmerzliche Unvollständigkeit, eine lähmende Bedeutungslosigkeit.

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Die Stunde des Anarchisten

by Julian Dörr

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Filmfest München präsentiert Nicolas Winding Refn seinen neuen Film Only God Forgives. Ein Werk von erhabener Konsequenz, das in seiner brillanten Einfachheit den Vorgänger Drive in den Schatten stellt

Und dann zückt der alte Mann mit schlohweißem Haar seine Tarot-Karten und sieht in die Zukunft. Alejandro Jodorowsky, der Psychomagier und letzte, große Wahnsinnige des Kinos, ist zu Gast in der Black Box im Münchner Gasteig. Denn das Filmfest ehrt den surrealen Visionär in diesem Jahr mit einer Retrospektive. Mit ihm auf der Bühne, der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn. Er ist der Mann, in dessen Zukunft hier heute geblickt wird.

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Refn präsentiert auf dem Filmfest München sein neues Werk Only God Forgives, Nachfolger des von der Kritik überschwänglich gefeierten Drive. Um die Story dieser kurzen, heftigen Eruption von einem Film wiederzugeben, braucht es nur wenige Worte. Denn sie absolut zweitrangig. Der Amerikaner Julian (Ryan Gosling), Drogendealer und Besitzer eines Boxclubs in Bangkok, sinnt gemeinsam mit seiner Mutter (Kristin Scott Thomas) auf Rache für den ermordeten Bruder Billy (Tom Burke).

Was sich in den folgenden 90 Minuten auf diesem minimalen Fundament der Emotionen aufbaut, ist nichts anderes als eine überstilisierte und hoch artifizielle Schlachtplatte. Und in eben dieser Reduktion übertrifft Only God Forgives seinen Vorgänger Drive um Längen.

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