Die unerträgliche Belanglosigkeit des Seins

von Julian Dörr

Auch in seiner sechsten Regiearbeit zelebriert Terrence Malick das Wunder des Lebens und der Liebe in eindrucksvollen Bildern. Seinen Stil hat der Kritikerliebling in To the Wonder perfektioniert. Das Ergebnis: ein makelloser Parfum-Werbespot

Manche Dinge ändern sich nie. Terrence Malick ist und bleibt das große, öffentlichkeitsscheue Regie-Phantom Hollywoods. Nur produziert er dieser Tage Filme wie am Fließband. Lagen zwischen seinem Debüt Badlands (1973), dessen atemberaubenden Nachfolger Days of Heaven (1978) und dem irrsinnigen Staraufgebot von The Thin Red Line (1998) fünf respektive rekordverdächtige 20 Jahre, hat der Amerikaner zur Zeit vier filmische Eisen im Feuer.

© 2012 Redbud Pictures

So war die zweijährige Wartezeit zwischen The Tree of Life (2011) und dem aktuellen Werk To the Wonder dann auch die kürzeste Zeitspanne zwischen zwei Filmen der lebenden Regielegende. Doch Vorsicht. Mit solchen Begriffen sollte der Kritiker nicht leichtfertig um sich werfen. Tatsache ist, dass Terrence Malick in den ersten 25 Jahren seiner Karriere den Filmenthusiasten dieser Welt drei beinahe makellose Meisterwerke schenkte, die ihn als großen amerikanischen auteur und genialischen Außenseiter etablierten.

Böse Zungen zischten aber schon anlässlich seines vierten Machwerks, der langatmigen Pocahontas-Nacherzählung The New World (2005), von kreativen Haltbarkeitsdaten und der segensreichen Aussicht auf ein baldiges Karriereende. Tatsache ist auch, dass sich Terrence Malicks bisher ehrgeizigstes Projekt The Tree of Life nicht zwischen Welterschaffungsmythos und Familiendrama entscheiden konnte und so auf beiden Gleisen eindrucksvoll ins Leere lief.

Zeit also für den gefeierten Regisseur, die Kritiker endlich Lügen zu strafen. Zu beweisen, dass Quantitätssteigerung nicht zwangsläufig Qualitätsverlust bedeutet. Die gute Nachricht zuerst: Eine konsequentere Entfaltung des Malickschen Stils als in To the Wonder ist schlichtweg nicht vorstellbar. Ein belangloserer und überflüssigerer Film jedoch auch nicht.

Wie schon bei The Tree of Life verzichtet Terrence Malick auch in To the Wonder auf eine vordergründige Narration und wählt den Essayfilm als Ausdrucksmittel seiner Beschäftigung mit dem Wunder des Menschseins. Der Plot um Neil (Ben Affleck), seine französische Geliebte Marina (Olga Kurylenko) und seine Kindheitsbekanntschaft Jane (Rachel McAdams) bleibt zu jeder Zeit angedeutet, ein Spannungsbogen baut sich nicht auf.

Dies würde an sich kein Problem darstellen, könnte man die Schwerpunktverlagerung hin zum poetischen Bilderreigen als künstlerische Entwicklung des Regisseurs verstehen. Nun hat die konsequente Weiterführung seines Stils Terrence Malick aber in eine Sackgasse und zum absoluten Stillstand geführt. Die Ästhetik und Kameraführung des späten Malick, die ihren Anfang in den Traumsequenzen des Soldaten Private Bell in The Thin Red Line fand und die The Tree of Life dann dominierte, dreht sich in To the Wonder bereits um sich selbst.

Auch hier ist die entfesselte Kamera einem „Alles fließt“-Mantra unterworfen, eine einzige statische Einstellung sucht der Zuschauer vergebens. Mehr als lähmende Wiederholungen und unerträgliches Selbstzitat sind in Terrence Malicks sechster Regiearbeit nicht von diesem Ansatz übrig geblieben. Vielmehr erinnert die Ästhetik von To the Wonder über weite Strecken an einen Parfum-Werbespot.

Sogar Malicks großes werkübergreifendes Thema des ewigen Ringens von Natur und Zivilisation verkommt in seinem aktuellsten Werk zur belanglosen Randnotiz. In Badlands erlebte das Outlaw-Paar für einen kurzen, paradiesischen Moment das Leben im vollkommenen Einklang mit der Natur. In Days of Heaven flüchtete der Protagonist aus den Schmelztiegeln der Industrie in die atemberaubende Weite des amerikanischen Südens. Der Pazifikkrieg der USA brachte in The Thin Red Line den Menschen und damit die Zerstörung ins Paradies.

Mit der Figur der Pocahontas wurde in The New World die Vergiftung dieses natürlichen Urzustandes durch die Moderne überdeutlich, in The Tree of Life war es dann der entfesselte Kapitalismus und der Glaube an Fortschritt durch Technik, der den Vater das Wunder des Lebens vergessen ließ. To the Wonder kann diesem beeindruckenden roten Faden durch Malicks Œuvre nichts weiter als ein paar bedrohliche Bilder von Industrieanlagen hinzufügen, die Neil in seinem Job als Umweltprüfer besucht.

© 2012 Redbud Pictures_2

Nichts ist wirklich neu in Terrence Malicks neustem Film. Nicht die fließende Kamera, nicht die feenhaft tanzenden Frauen in sonnendurchfluteten Feldern, nicht die meist kryptisch bleibenden, gehauchten Voice-Overs. In seinen guten Augenblicken ist To the Wonder leidlich schön anzusehen. In seinen schlechten Momenten lauert hinter unerträglicher Belanglosigkeit ein erzkonservatives Geschlechterbild, gepaart mit einem verquasteten religiösen Überbau.

Schon in The Tree of Life war Malicks pantheistischer, von Naturreligionen geprägter Zugang einer eindeutig christlichen Prägung gewichen. Noch in The Thin Red Line stand der von amerikanischen Soldaten gequälte Alligator als ein von einigen Naturvölkern verehrtes Symbol für den Schöpfer der Welt. In To the Wonder ist der christliche Glaube nun omnipräsent. Javier Bardem spielt einen zweifelnden Priester, der seinen verloren geglaubten Gott sucht.

Brodelte in The Tree of Life hinter der Fassade einer Vorstadtfamilie noch der immerwährende Kampf zwischen der schöpferischen Macht der Erdmutter Gaia und der zerstörerischen Kraft des Mannes, so überrascht To the Wonder durch weitaus bedenklichere Geschlechterrollen. Die Figur des Neil bleibt seltsam leer und konturlos, die Kamera zeigt zumeist Ben Afflecks Rücken. Und doch haften die schmachtenden Blicke seiner Frauen fest auf ihm. Beide hauchen ihm im Verlauf des Films zu: „I want to be your wife.“ Die eine unterwirft sich ihm gleich mit gefesselten Händen. Das heilige Sakrament der Ehe erhält eine verwirrend gewichtige Rolle in diesem Film.

Es steht außer Frage, dass der große Terrence Malick mit To the Wonder einen Karrieretiefpunkt erreicht hat. Er hat seinen Stil bis zum Ende ausbuchstabiert und den Karren in jeder Hinsicht an die Wand gefahren. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist jedoch, dass es für die verbleibenden Eisen im Feuer nun nur noch bergauf gehen kann.

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