Flaneur im Sattel

von Dennis Pohl

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und ausgewiesenes Multitalent, macht Platz im Sattel: Auf seinem Klapprad nimmt er den Leser mit auf eine Reise um die Welt. Passend zum nahenden Sommer schildert Bicycle Diaries die Freude am Entdecken auf eigene Faust

David Byrne, ein Mann vieler Talente. Sänger, Künstler, Komponist, Talking Head. Außerdem Gelegenheitsautor, Fotograf, Designer und, seit den späten 70er Jahren, Fahrradenthusiast. Byrnes nunmehr drei Jahrzehnte andauernde Radtour nahm in den verstopften Avenues New York Citys ihren Anfang und führte von dort, dank eines reisefähigen Klapprades, durch die Straßen der Städte, in die ihn seine vielen Berufe seither verschlugen.

Bicycle Diaries

Nun vereint Bicycle Diaries eine Auswahl der Erlebnisse des radelnden Byrne in einem Buch. Darin finden sich Geschichten aus entfernteren Städten wie Buenos Aires oder Manila neben Erzählungen zu Sonderfällen amerikanischer Stadtstruktur wie Pittsburgh, Detroit und New Orleans.

Doch wer nun einen zähen Reisebericht eines beflissenen Radfahrers erwartet, liegt falsch. Denn während Byrne durch besagte Orte streift, wird der bloße Akt des Fahrens zur Nebensache. Natürlich ist sein Platz auf dem Fahrrad essenziell für die Beobachtungen Byrnes, doch vielmehr in der Hinsicht, dass er in seinem Fahrrad ein Werkzeug sieht, mit dessen Hilfe er eine „time line through a city‘s history, it‘s glory and betrayal“ verfolgen kann, wie er es in der Episode zu Detroit ausdrückt.

Mit dieser Art des Erlebens einer Stadt stellt er sich in die Tradition des Flaneurs, jenem Dandy des 19. Jahrhunderts, der die Straßen des damaligen Paris durchwanderte und dabei alles in sich aufsog, was seine Aufmerksamkeit erregte. Ausgestattet mit beinahe unendlicher Neugier, aufmerksamen Augen, sowie einer großen Portion Zeit und Ausdauer, folgte diese junge, intelligente Spezies traumwandlerisch den Assoziationsketten, die das urbane Schauspiel in ihr auslöste und schrieb am Abend die gesammelten Eindrücke nieder. Dieses aktive Eintauchen in den Mahlstrom des Stadtlebens bescherte den Nachkommen die bis heute treffsichersten Beschreibungen des innerstädtischen Lebens zu jener Zeit, es inspirierte Walter Benjamin zur Arbeit an seinen „Passagen“ und Franz Hessel zum Spazieren in Berlin. Mit seinem Klapprad ist Byrne nun so etwas wie die neuzeitliche Reinkarnation dieses Typus – lediglich mit einem historisch-kritischen Blick und aus der Perspektive seines Sattels.

Und meist ist er ein scharfsinniger Beobachter. Es überrascht zwar kaum, doch Byrne ist besonders stark, wenn er über (lokale) Musik und Kunst schreibt. Er legt jedoch auch in anderen Gebieten eine beeindruckende Hellsichtigkeit an den Tag. So zum Beispiel zum Thema Stadtentwicklung. Gerade in den Episoden zu den vom Sterben der Automobil- und Montanindustrie gebeutelten Städten wie Detroit oder Pittsburgh ist es erhellend, Byrne auf seiner Tour vom Stadtzentrum zu den Kapillargefäßen des Stadtgewebes zu begleiten. Er zeigt auf, wie die gewalttätige Stadtplanung der 50er und 60er Jahre mit ihrem Mantra des ungebremsten Fortschritts das gewachsene Gefüge der Stadt nachhaltig störte und mit wie Monolithen ins Land gesetzten Umgehungsstraßen und Großbauten Stadtviertel von der Lebendigkeit des urbanen Raums abschnitt. Und macht an manchen Stellen frappierend einfache Vorschläge, wie sich diese Probleme abmildern ließen.

Nun scheint das Radfahren auch gut für Byrnes seelische Verfassung zu sein. Denn er schafft es, selbst den ernstesten innerstädtischen Problemen unverkrampft und mit einem erfrischend leichtfüßigen Humor zu begegnen und beweist nebenbei einen wunderbaren Sinn für das Obskure. In Manila beispielsweise entdeckt er einen Fernsehkanal, der non-stop Karaoke anbietet: „You can stay at home and sing along with your television. Like some kind of radical conceptual art piece — but unlike conceptual art it’s super-popular.”

Es gibt wohl wenige Menschen, deren Erlebisse auf einem Fahrrad so unterhaltsam sind. Denn Bicycle Diaries ist im Grunde nichts anderes als ein nun gebundenes Logbuch, in dem Byrne seine Gedanken sortiert. Doch bei einem wie Byrne, der irgendwie alles macht, reicht dies aus für ein interessantes Buch, das sowhl intellektuell anspricht, als auch mit all seinen Obskuritäten und Byrnes Humor schlicht unterhaltsam ist.

Leider scheint mit dem Wort „Fahrrad“ jedoch stets der Zwang einherzugehen, ein Wort zum Thema Nachhaltigkeit verlieren zu müssen. Und so hängt Bicycle Diaries eine Art Manifest zur Zukunft der Stadt an. Das ist für sich genommen durchaus legitim, doch wirkt es im Gesamtkontext etwas sehr bemüht und deplatziert. Denn das eigentliche Manifest dieses Buches ist es, die Welt in all ihren Einzelheiten für sich selbst zu sehen und zu denken. Dass man sofort mit dem Fahrrad an das Ende des eigenen Stadtgebiets fahren möchte, ist sein größter Verdienst.

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