Identitäskrise in Fuzz-Dur

von Dennis Pohl

Mit seinem zweiten Album emanzipiert sich der Kalifornier Mikal Cronin von seiner bisherigen Karriere als Kollaborationskünstler und zeigt die ganze Bandbreite seines Talents. Dabei zelebriert MC II den Sound der Adoleszenz. Ein Sommeralbum für Teenager jeden Alters

Wer hätte diesen Sommer ernsthaft mit Mikal Cronin gerechnet? Oder vielmehr: Wer kannte ihn eigentlich? Jenen notorischen Kollaborationskünstler, der es seit Mitte des letzten Jahrzehnts auf etwa zwei Dutzend Veröffentlichungen in verschiedensten Formationen gebracht hat, am beachtetesten wohl sein Auftritt als Sidekick des kalifornischen Fuzz-Kraftwerks Ty Segall. Unter dem schlichten Titel MC II liegt nun Cronins Zweitwerk als Solokünstler vor.

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Wo sein selbstbetiteltes Debut noch das Ende des College samt erster Liebe vertonte und sich dabei alle Mühe gab, jeden Ansatz von Cronins Talent als Songwriter mit Gitarrenkrach zu kaschieren, profitiert MC II von den darauf folgenden Neuanfängen. Mit Merge Records fand Cronin ein neues Label, siedelte nach San Francisco über und fasste neues Selbstbewusstsein in Instrumentierung und Ausformulierung seiner Songs. Am Ende dieses Prozesses stehen nun 37 Minuten ehrlichsten Power-Pops.

In erster Instanz fällt auf, wie blendend es Cronin über die gesamte Spielzeit des Albums versteht, die Bestandteile jenes Genrebegriffs auszubuchstabieren und für sich genommen auf den Punkt zu bringen. Auf der einen Seite der Pop: Von den zehn Songs, die sich auf MC II finden, besticht jeder Einzelne mit zuckersüßen Melodien von hohem Wiedererkennungswert bis hin zum Addiktiven.
Auf der anderen Seite die Power, dargereicht in Form verzerrter Gitarren. Sie impft Cronins Bubblegum-Jangle die nötige Kraft und Dringlichkeit ein, verhilft ihm vom beschaulichen Indie-Kleinod zur allgemein gültigen Größe.

Dabei rutscht MC II nie in bloße Phrasenhaftigkeit ab. Das mag daran liegen, dass jeder Song für sich genommen ein Musterbeispiel kompositorischer Handwerkskunst darstellt. Oder aber am wohldosierten Einsatz einer intelligenten Instrumentierung, der Cronins Gitarrenpop deutlich von der Fülle weniger interessanter Kollegen abhebt. So schwankt einmal ein versoffenes Honky-Tonk Piano um die Ecke, an anderer Stelle entdeckt man eine Violine. Sogar eine Flöte, dieses mit der Erbsünde des Progressive-Rock belastete Instrument, fügt sich durchaus stimmig in das Gesamtbild ein.

Da verzeiht man Cronin gerne, dass einem auf besagten 37 Minuten so einige alte Bekannte begegnen. Immer wieder hört man Anleihen des Gitarrenpops der Sechziger heraus, „Am I Wrong“ ist ein Blur-Stomp der klassischen Sorte und auch „See It My Way“ ließe sich problemlos auf einer Compliation britischen Rocks der 90er Jahre zwischen The La‘s und Konsorten spielen. Auch den Einfluss der amerikanischen Melodiemanufaktur The Shins, jene Großmeister des emotionalen Indie-Pop, vermag man auszumachen und dass Cronin gerne Nirvanas In Utero als Inspirationsquelle angibt, überrascht nach dem ersten Durchlauf kaum mehr. Nein, MC II gibt sich keinerlei Mühe, seine Vorbilder zu verstecken.

Dennoch fühlt man sich an keiner Stelle wie auf einer Führung durch das Poparchiv der letzten fünfzig Jahre, wie es zuletzt bei den ebenfalls aus San Fracisco stammenden Foxygen der Fall war. Und ganz ehrlich, wie sollte man im Jahr 2013 den Gitarrenpop noch neu erfinden?

Und als wolle Cronin damit alle Zweifel beseitigen, findet sich auf MC II besagte Power, der Sound von Verstärkern am Rande des Exitus. Seit einer halben Ewigkeit DAS Signifikat popmusikalisch verarbeiteter Teenage Angst. Genau 45 Sekunden dauert es, bis nach anfänglichem Pianoarpeggio und knapper Heranführung auf Cronins Akustikgitarre dieser Sound losbricht. Es ist der Klang der frühen 90er Jahre, der späten „Generation X“, jener unter dem Eindruck verstörender Ereignisse und sich wandelnder Werte herangewachsenen Teenagern, denen Unsicherheit zum vorherrschenden Lebensgefühl wurde. Der Klang, mit dem sich Millionen von Heranwachsenden identifizieren konnten. Der sie einem gewissen Kurt Cobain zu- und ihn selbst am Ende in den Tod trieb.

Dennoch, oder gerade deswegen, lässt sich am Beispiel des Sounds, den Cronin auf MC II zelebriert, die wundersame Kraft der Popmusik erfahren. Es ist die affirmative Wirkung, die ein Song oder gar nur ein besonderer Sound auf die Erfahrungen des Alltags haben kann.
Rund die Hälfte aller Zeilen des Openers „Weight“ beginnen beispielsweise mit den Worten „I‘m not ready for…“. Für einen weiteren Tag, für Angst und Scham, die Art wie du tanzt.

Auf „Shout It Out“ lässt sich das Dilemma weiter besichtigen. Zu sehen ist der symptomatische innere Zweikampf eines jungen Mannes, den das Erwachsenwerden und der Versuch, eine immer unerklärlicher werdende Welt erklärlich zu machen, aus dem Gleichgewicht gebracht hat: „Do I shout it out?/Do I let it go?/Do I even know what I‘m waiting for?/No, I want it now/Do I need it though?“ Als zwischen 1985 und 1990 Geborener nickt man in stiller Zustimmung.

Irgendwie fühlt sich dieses Leben nicht richtig an. Cronin liebt, doch scheint ihm diese Liebe immer wieder durch die Hände zu rinnen. Nur, warum? Das war nicht immer so. Angesichts der immer schneller verstreichenden Zeit, der endenden Jugend, dem Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen, wird Cronin zunehmend ratlos – und verschwendet wieder einmal Stunden mit Unzulänglichkeiten. „Am I wrong?/No, I don‘t think so!“ Doch bloßes Glauben ist für einen gutausgebildeten, belesenen Mittzwanziger nicht mit Wissen gleichzusetzen. Und so geht es immer weiter: „Shit goes on and on and on…“. Einsatz Gitarrenwand.

Doch, und darin liegt die zweite Instanz in der Rezeption dieses Albums, angesichts des betörend leichtfüßigen Gewands, in dem Cronin dieses Ringen mit sich selbst vorträgt, verlieren die beschriebenen Konflikte für einen Moment an Schwere. Im Gegenteil, sie werden zum Motor eines positiven Gefühls der Zugehörigkeit.  Zumindest für 37 Minuten verliebt man sich in die eigene Unentschlossenheit, möchte die Teenage Angst dafür umarmen, dass sie solche Stücke Musik erst ermöglicht. Man erinnert sich an Faulkners Wahl zwischen dem Leid und dem Nichts. Zu Cronins Musik wählt man mit Nachdruck das Leid. Darin liegt die Magie der Popmusik. Und es ist dieses Gefühl, das MC II zum Sommeralbum der heutigen Generation macht.

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