Im Arbeitsspeicher der Musikgeschichte

von Julian Dörr

Das Herz des modernen Blechmannes ist verzückt. Mit ihrem ersten Studioalbum seit acht Jahren bringen die beiden französischen Mensch-Maschinen von Daft Punk das Leben zurück in die Musik und die Vergangenheit zurück in die Zukunft. Und schwingen ganz nebenbei das Tanzbein mit der intellektualisierten Popkritik

Das neue Jahrtausend war gerade wenige Monate alt, da tanzte auf allen Musikkanälen, die zu dieser Zeit in blindem Selbstverständnis noch Musikvideos zeigten, ein intergalaktisches Partyvölkchen im Rhythmus einer verzerrten Stimme.

Daft Punk

„One more time we’re gonna celebrate“, war Daft Punks simple Botschaft und man kann diese heute als trotziges Aufbäumen einer Jugend lesen, die ihre musikalische Sozialisation in den hedonistischen Tanztempeln der 80er und 90er Jahre erlebt hatte.

Im Musikvideo endete die letzte Party der blauen Marsmännchen übrigens mit einem finanziell motivierten Kidnapping durch die irdische Musikindustrie. Die Zeit der Unschuld war zu Ende, in der Kunst wie im Leben.

Auf die Analyse eben solcher Zeitkontexte vertraut die Popkritik bei ihren ästhetischen Urteilen. So erkämpfte sie sich einen Platz in den Feuilletons und beendete die Diskurshoheit der Hochkultur. Doch intellektualisierte die Popkritik auch die Rezeption des Pops selbst. Mancher Rezensent vernachlässigte darüber die Balance zwischen Herz und Kopf des Musikhörers. Zwei Seelen wohnten ach in der Brust des Popdiskurses.

Mit ihrem ersten Studioalbum seit acht Jahren versöhnen nun die beiden französischen Roboter-Popper von Daft Punk die Herzen und Hirne von Kritikern, Konsumenten und dem ganzen popsensitiven Rest der Menschheit. Im Laufe ihrer konzeptuell überragenden Platte Random Access Memories verschmelzen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo Organisches mit Anorganischem, Natürliches mit Artifiziellem, Emotion mit Ratio. Der Mensch ist Maschine und auf der Suche nach Erlösung.

Die frohe Botschaft der so vertraut entfremdeten Stimme lautet 2013: „Let the music of your life give life back to music.“ Und die Frage nach dem Soundtrack ihres Lebens müssen die Franzosen wohl mit Disko, Soul und dem streichergetränkten Breitwandpop der späten 70er beantworten. So funkt, twangt, groovt und croont sich das Duo unterstützt von einer breiten Palette an Gastmusikern durch eine 80-minütige Passionsgeschichte des Pops.

Im zentralen Stück von Random Access Memories, dem epischen „Touch“, leiht Seventies-Songwriter Paul Williams dem identitätssuchenden Roboter seine Stimme. Und erinnert dabei an einen Grundkonflikt der klassischen Science Fiction. Wie auch den Cyborg-Pinocchio David aus Steven Spielbergs futuristischer Mär A.I. (2001) rettet die Liebe – hier im Klanggewand eines zuckersüßen Chores – den verlorenen Sohn.

Und während die halbe Welt der hemmungslos tanzbaren Pharell Williams-Kollaboration „Get Lucky“ schon im Schatten der Diskokugel huldigt, kratzt sich der Popkritiker ratlos den Kopf. Ist das jetzt überhaupt noch annähernd Musik zur Zeit? Oder doch nur eine käsige Retro-Semmel, die schon morgen steinhart und staubtrocken sein wird?

Irgendwie egal. Denn verzückt vor schierer Schönheit versöhnen sich Herz und Kopf. In ihrem perfekt durchgeplanten und inszenierten Retro-Futurismus stellen Daft Punk sowohl die Krönung einer rückwärts gerichteten Pop-Tradition, als auch den Entwurf einer besseren Zukunft aus den Blaupausen der Vergangenheit dar. Es ist Walter Benjamins Engel der Geschichte, der sich in „Catapult“, dem letzten Song des Albums, in die Höhe schraubt, den Blick zurück auf die glänzenden Ruinen der musikalischen Ahnen.

Da ist Giorgio Moroder, der in „Giorgio by Moroder“ eine autobiographische Popgeschichtsstunde hält und dem Bangalter und de Homem-Christo nebenbei Einblicke in die Philosophie des Avantgarde-Pop entlocken: „Once you free your mind about a concept of harmony and of music being correct, you can do whatever you want.“

Da ist auch House-Pionier Todd Edwards, der in „Fragments Of Time“ die Antwort auf den Verlust der Jugend in der Erinnerung findet: „I just keep playing back these fragments of time“. Zusammen mit „Beyond“, das mit seiner verklärten New Age-Utopie irgendwie zu Daft Punks „Stairway To Heaven“ wird, etablieren diese Songs eine Zukunft, die sich aus der Archivierung der Vergangenheit speist und formt.

Der Popkritiker kann also aufatmen. Und verpasst neben all den Erlösungsphantasien, den verkopften Poputopien und den Sinn suchenden Mensch-Maschinen nicht den Kern von Daft Punks Botschaft: Tanzt! Die ganze Nacht! Und so ist „Doin’ It Right“, eine konsequente Weiterführung von „One More Time“, in seiner Einfachheit der wichtigste Song auf dieser bedeutenden Platte: „Everybody will be dancing and you’re feeling all right.“

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