Mut zum Mythos

von Julian Dörr

Das US-amerikanische Kino inszeniert seit jeher Geschichte und Geschichten. Im Spannungsfeld von Mythos und historischer Wahrheit etabliert sich der australische Regisseur Andrew Dominik als bedeutender Autorenfilmer der Gegenwart

Bevor die große Menschenjagd in Quentin Tarantinos Django Unchained (2012) so richtig an Fahrt gewinnt, erzählt der deutsche Zahnarzt Dr. King Schultz dem befreiten Sklaven Django eine Geschichte. Es ist die Geschichte von Siegfried, der einen Drachen tötet und furchtlos das Höllenfeuer durchschreitet, um die Prinzessin Brunhilde zu retten. Diese Szene legt den mythischen Grundstein für Djangos Heldenreise, den Rachefeldzug zur Rettung seiner Frau Broomhilda aus den Fängen des Sklavenhalters Calvin Candie.

© 2012 Universum Film GmbH

Dass sich der Regisseur hier nicht, wie von Dr. Schultz behauptet, auf die „most popular of all the german legends“, das Nibelungenlied, bezieht, sondern auf Richard Wagners Der Ring des Nibelungen, uraufgeführt beinahe 20 Jahre nach der Handlung von Django Unchained, passt in die postmoderne vision du monde Quentin Tarantinos, die in der Ausstellung und Verknüpfung von (pop-) kulturellen Zitaten besteht. Und die in seinen aktuellen Werken bisweilen in historischen Revisionismus gipfelte.

Es ist der augenzwinkernde Umgang mit Geschichte, der an Django Unchained und seinem Vorgänger Inglourious Basterds (2009) so fasziniert. Da darf ein jüdischer Amerikaner sein Maschinengewehrmagazin in den Körper des Führers entleeren. Und ein ehemaliger Sklave darf hoch zu Ross die Seinen in die Freiheit führen. Tarantino nimmt die Geschichte des europäischen und des – von ihm so bezeichneten – amerikanischen Holocausts und schreibt ihr ein alternatives Ende. Kraft seines Amtes und des Kinos. Der Mythos tritt an die Stelle der historischen Wahrheit.

Doch es gibt noch eine ganz andere Tendenz im aktuellen US-Kino. Oscarprämierte Filme wie Ben Afflecks Argo (2012) oder Steven Spielbergs Lincoln (2012), aber auch Kathryn Bigelows  Zero Dark Thirty (2012), stehen trotz einiger dramatischer Konventionen deutlich zur Abbildung einer historischen Realität. Und in Sacha Gervasis Hitchcock (2012) recycelt sich die Traumfabrik gar selbst, indem sie mit einem fiktiven Making-Of gerade den Gegenentwurf zum Mythos schafft.

Schon die dokumentarische Super 8-Ästhetik der Anfangssequenz lässt in Argo, einem sorgfältig ausgestatteten period picture basierend auf einer wahren Begebenheit, die Grenzen zwischen realer Geschichte und inszenierter Historie verschwimmen. Lincoln, im Spielbergschen Kosmos durchaus ein realistisches Machwerk, erzählt überraschend ausführlich vom Kleinklein der Mehrheitsbildung in der Demokratie. Und wenn die Jagd nach Osama Bin Laden in Zero Dark Thirty zu Ende geht und der Zuschauer mittels Nachtsichtoptik und Handkamera tief ins Geschehen integriert wird, nutzt Kathryn Bigelow alle filmischen Mittel, um ihrer historischen Nacherzählung das Siegel einer historischen Wahrheit aufzudrücken.

Die Filmbilder entfalten ihre Wirkung. Nicht selten hörte man in den sich leerenden Kinosälen Sätze wie diese: Schon interessant zu sehen, wie das damals war. Oder: Gut zu wissen, wie das genau abgelaufen ist. Das gegenwärtige US-Kino findet in Extremen statt. Zwischen based on a true story und zügellosen Zitatorgien à la Tarantino.

Eine interessante Rolle in diesem zeitgenössischen Spannungsfeld nimmt der in Neuseeland geborene australische Regisseur und Drehbuchautor Andrew Dominik ein. Schon in seinem Erstlingswerk, der australischen Produktion Chopper (2000), beschäftigte sich Dominik mit dem dünnen Schleier zwischen Realität und Fiktion.

Der verurteilte Kriminelle und spätere Bestsellerautor Mark Brandon „Chopper“ Read (Eric Bana) rekapituliert seine Lebensgeschichte. Rückblenden, Wiederholungen, Übertreibungen und offene Manipulationen an der Narration offenbaren schon nach wenigen Filmminuten den schmalen Grad zwischen realer Biographie und Selbstinszenierung des unzuverlässigen Erzählers.

90 Minuten lang lässt sich Chopper dabei beobachten, wie er unbeirrt seinen eigenen Mythos kreiert. Der Wahrheitsgehalt bleibt zweitrangig, wie schon der Untertitel des Films verrät: „The truth, the half truth and nothing like the truth.“

© 2007 Warner Bros. Entertainment Inc.

Sieben Jahre später folgte mit dem Western The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford (2007) die erste US-Produktion des Australiers. Eine altbekannte Heldenmär des Kinos, doch Dominiks Jesse James unterscheidet sich deutlich von anderen Darstellungen des berühmten Outlaws. Im Gegensatz zum kraftstrotzenden Tyrone Power aus Henry Kings klassischer Jesse James-Verfilmung mimt Brad Pitt mit erhabener Mehrdeutigkeit eine sich an allen Enden auflösende Person. Ein Jesse James, der schon zu Lebzeiten die Schwelle zwischen realem Menschen und menschlichem Mythos überschreitet.

Jenseits von Heroisierung, Kriegstrauma und Robin-Hood-Rächertum steht bei Andrew Dominik ein notorisch passiver Mann mit fragwürdigem Moralkodex. James handelt wenig in diesem Film und wenn, dann schießt er in Rücken und verprügelt Kinder. Beißender Realismus. Auf der einen Seite.

Doch schon mit den ersten Bildern seines Filmes gelingt es dem Regisseur, die Eigendynamik der Mythenbildung in seine Geschichte zu integrieren. Denn Jesse James ist auch ein Mann von überwältigender, übermenschlicher Präsenz: „Rooms seemed hotter when he was in them, rains fell straighter, clocks slowed.“

Die selbstreflexive Thematisierung des Mythos ist seit der Zeit der Spätwestern keine Neuheit mehr. „If the legend becomes fact, print the legend.“ Das berühmte Zitat zu Mythos und Wahrheit aus John Fords The Man Who Shot Liberty Valance (1962) wurde selbst in vielen Filmen thematisiert. In Clint Eastwoods Unforgiven (1992) begleitet ein Biograph den gealterten Westernhelden English Bob, um dessen einseitige Sicht auf den Wilden Westen festzuhalten. In Andrew Dominiks Western liest Bob Ford, der zukünftige Mörder, Jesse-James-Abenteuerromane. Ein Mann, der schon zu Lebzeiten zur Fiktion wird.

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford ist jedoch in seinem feinfühligen Umgang mit Geschichte und Mythos einzigartig. Alles fließt hier über zweieinhalb Stunden zusammen. Entdramatisierter Realismus und Mystifizierung des Outlaws halten sich die Waage. Dem vorwissenschaftlichen Mythos steht schon zu Beginn die wohl wissenschaftlichste und analytischste Beobachtung in der Geschichte des Westerns gegenüber: „He also had a condition that was referred to as granulated eyelids. And it caused him to blink more than usual.“

Der Gangsterfilm Killing Them Softly (2012) markierte im vergangenen Jahr den bisherigen Höhepunkt in der Karriere des Autorenfilmers Andrew Dominik. Und dessen Ankunft in der Gegenwart. Das anfänglich beinahe postapokalyptisch anmutende New Orleans nach Hurrikan Katrina wird zur Leinwand, auf der sich Dominiks Weltsicht in Gänze entfaltet.

© 2012 Universum Film GmbH_2

Wieder geht es um Männer zwischen Mythos und Realität. Im Vordergrund steht der hard boiled Killer Jackie Cogan (Brad Pitt), angeheuert, um zwei Jungs kaltzumachen, die in das Räderwerk der Mafia geraten sind. Ein Mann, der auftaucht und wieder verschwindet. „There’s a man going ’round taking names and he decides who to free and who to blame.“ Zu Cogans erstem Auftritt singt Johnny Cash „The Man Comes Around“.

Realistisch ist dieser Film über weite Strecken nicht. Stilisierte Drogensequenzen treffen auf quälend lange Slow Motion-Einlagen. Wie die Hinrichtung des Ganoven Markie (souverän seine Rollenbiographie recycelnd: Ray Liotta). Wenn am Ende fast alle tot sind, schallt aus dem Autoradio ein alter Schlager: „It wouldn’t be make-belief, if you believed in me.“ Und Jackie Cogan schreitet zum Zahltag, schreitet durch ein Feuerwerk, ein Feuerwerk für den in dieser Nacht gewählten neuen Präsidenten Barack Obama.

Die Einbindung des tagespolitischen Hintergrundrauschens, das über Fernseher und Radios den gesamten Film begleitet, ist die eigentliche Meisterleistung Andrew Dominiks. In Killing Them Softly verbinden sich Mythos und realpolitische Wahrheit untrennbar miteinander, verkocht im großen melting pot Amerikas.

Die harte Realität des verfallenden New Orleans bevölkern Gangster wie aus einem Kriminalroman – tatsächlich basiert der Film auf der pulp novel Cogan’s Trade aus den Siebzigern. Die harte Realität der Politik bevölkern die großen amerikanischen Mythen. In der letzten Szene des Films hält Barack Obama seine Wahlnachtsrede. „All men are equal“, tönt es aus dem Fernseher über der Bar. Der große Zyniker Cogan entlarvt den amerikanischen Traum: „It’s a myth, created by Thomas Jefferson.“

Das feine Ineinanderwirken von Mythos, Fiktion, Realität und Wahrheit, ein ewiges Tauziehen. In Killing Them Softly zeigen sich die Risse und Brüche, die die amerikanische Gesellschaft davongetragen hat. Vertrauen in die Zukunft? Gar als Gemeinschaft? „In America you’re on your own. America is not a country. It’s just a business.“

Ist der Mythos nun Heilsbringer oder nur eine Krücke? Oder gar die Wurzel allen Übels? In einem bislang überschaubaren Gesamtwerk präsentiert Andrew Dominik eine vielschichtige Palette der kleinen Wahrheiten und der großen Lügen, der harten Fakten und der flüchtigen Mythen. Dieser spielerische, zuweilen schamlose Umgang mit Gegebenem wirft Licht auf die conditio humana der Gegenwart.

Hollywood braucht wieder mehr Mut zum Mythos. Denn es ist und bleibt eine Traumfabrik. Schon Friedrich Nietzsche forderte in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik die Stärkung des Mythos und seiner Weltsicht gegenüber der theoretischen und wissenschaftlichen Kultur. Für den deutschen Philosophen kam da seinerzeit nur ein Mann in Frage: Richard Wagner.

Advertisements