Retro 3.0

von Dennis Pohl

Es groovt, es funkt, es glitzert, es menschelt. Mit ihrem jüngst erschienenen Album Random Access Memories kehren Daft Punk zur Erde zurück und treten fortan als organische Supergroup auf. Ein Stilbruch? Keineswegs!

„Let the music of your life give life back to music“ befiehlt der altbekannte Daft Punk-Roboter in den ersten Minuten des jüngst erschienenen Albums des französischen Elektro-Duos. Währenddessen bewegt sich das Bein des Rezensenten bereits nach dem ersten Drittel das Openers wie von Geisterhand im Takt. Diesem Imperativ wohnt etwas durchaus programmatisches inne, denn „give life back to music“ ist so etwas wie das Leimotiv von Random Access Memories.random-access-memories1

Alles klingt organischer, weniger techonoid und nach kaltem Weltraum. Es sind echte Gitarren, aus denen Producer-Legende Nile Rodgers den Lendensaft des Funk heraus groovt, und echte Bässe, die besagte Beine wippen lassen. Es scheint, als seien die beiden Disco-Raumfahrer Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo auf der Erde gelandet, um kurzerhand das legendär-ätzende Studio 54 wiederzueröffnen und der tanzaffinen Menge des 21. Jahrhundert mit einem Trupp der edelsten Gastmusiker noch einmal so richtig nach den Regeln der 70er Jahre einzuheizen.

Doch der erste Gedanke, der sich bei der Rezeption dieses Albums einstellt, nämlich, dass Daft Punk ihrem bisherigen Stil abgeschworen hätten, ist ein Trugschluss. Denn wer in den bisherigen 20 Jahren der Existenz dieses Duos genau hingehört hat, der erkennt, dass die beiden ihre Herangehensweise auf Random Access Memories lediglich auf die Spitze treiben.

Denn zwischen den ersten Hits wie „Da Funk“, späteren Großtaten wie „One More Time“ oder „Harder, Better, Faster, Stronger“ und der ersten Single des neuen Albums, „Get Lucky“, lässt sich ein roter Faden erkennen. Der Kitt: die Anleihe bei organischer Musik, bei Rock und Funk.

Daft Punk begannen ihre musikalische Sozialisation im Rock, respektive Punkrock. Ihre ersten Gehversuche als Band unternahmen die beiden als Teenager in der Punk-Combo Darlin, der, neben Bangalter und Homem-Christo, auch der mittlerweile in der Band Phoenix ebenfalls zu beträchtlichem Erfolg gekommene Laurent Brancowitz angehörte. Den Ethos des Punk schwang dann auf gewisse Art und Weise auch in „Da Funk“ mit. Nur hatte das verbliebene Duo die Gitarren mittlerweile eingemottet und sich extensiv mit House und Techno beschäftigt.

Im weiteren Verlauf schlug Daft Punk dann den Weg vieler Rockbands ein: sie wurden größer und damit eingängiger. „One more time“ führte sie heraus aus den Clubs und hinein in Radio und Stadion. Und eben das ist es, was der Song im Kern ist. Es ist Stadionrock, der auf Samplings und Sythesizer setzt, statt auf Gitarren. In Struktur und Ausformulierung klang dieser Sound jedoch immer noch organisch, war näher am gestenreichen Mainstream-Rock, als am notorisch eigenbrötlerischen Techno oder House. Und wer sagt eigentlich, dass Musik, die sich neuer Instrumente bedient, nicht ebenfalls handgemacht, also „echt“ sein kann?

Für Daft Punk waren Samplings ohnehin stets ein Werkzeug und keine Ideologie. Homem-Christo sagte einmal, er liebe Samplings für die Unendlichkeit ihrer Möglichkeiten. Die koventionellen Instrumente trügen ihre eigenen Limitierungen bereits in sich. Man könne eine Gitarre oder eben einen Bass nur bis zu einem bestimmten Grad ausreizen. Bei Samplings sei dies eben nicht der Fall. Man könne extakt den Klang erzeugen, den man erreichen will.
Fortschritt als Mittel zur Befreiung der eigenen Kreativität. So weit geht Daft Punks Futurismus in Hinblick auf die musikalische Komponente ihrer Erscheinung. Viel weiter jedoch nicht. Sampling als Nährboden für urheberrechtliche Grabenkämpfe und die Neuverhandlung dessen, was als geistiges Eigentum anzusehen ist – all das ist ihnen fremd. Schließlich kommunizieren sie selbst kaum im Netz, betreiben keinen Twitter-Account und schalten riesige Werbebanner am Sunset Boulevard statt im Internet.

In dieses Bild passt auch ihr unvergleichlicher Retro-Futurismus. Wenn das Duo sich als Roboter verkleidet, oder sich selbst mit Hilfe verschiedenster Stimmmodulatoren wie welche klingen lässt, so verweist dies auf eine Zeit, in der man sich die Zukunft weiß gelackt und die Autos fliegend vorzustellen pflegte. Es wurde eine Zukunft verhandelt, die offen schien. Zwischen großen Utopien und sinistren Dystopien blieb jede Menge Interpreationsspielraum.

Heute jedoch leben wir in der damals imaginierten Zukunft. Entwickler tatsächlicher Roboter geben sich alle Mühe, diese nicht wie eben solche klingen zu lassen und auch die Welt ist in der Zwischenzeit nicht in einen weißen Farbtopf gefallen. Unsere Zukunftsvisionen werden seither etwas leiser verhandelt und sind meist von geringerer Umwälzungskraft. Oder gleich vollends düster. Angesichts dessen sind die Roboter, die einen auf Random Access Memories zum Tanz bitten, reinstes Seelenheil. Sie wirken wie Stimmen aus einer Zukunft, die so nie eingetreten ist.

Um so passender ist es daher, dass der große Giorgio Moroder, der auf „Giorgio by Moroder“ in neun Minuten seinen persönlichen Pop-Werdegang bespricht und dabei ein wenig nach Werner Herzog klingt, zu dem Klopfen einer prähistorischen Drum-Machine sagt, er habe die Musik der Zukunft machen wollen. Damals, Anfang der 70er. Und im weiteren Verlauf merkt man, dass es Daft Punk sind, die im Hier und Jetzt diese Musik verkörpern. Sie machen jene Musik, die sich Moroder damals wohl für das Jahr 2013 imaginiert hat und sind dabei näher am Zukunftsbild des als Ziggy Stardust geschminkten David Bowie, als an der Realität kontemporärer Soundbastler. Roboter klingen wie Roboter und für die Zukunft verspricht die Technik ein erfülltes Leben für alle.

Doch, wenn Random Access Memories, wie der Name bereits suggeriert, im Gestern spielt, wieso klingt diese Platte so bestechend frisch, aktuell und neu?
Die Antwort hat Bangalter kürzlich in einem Interview selbst gegeben. Das Album ist nämlich keinesfalls so organisch, wie es daher kommt. Aus 250 einzelnen Spuren setze sich beispielsweise „Touch“ zusammen, so Bangalter. Ein Song, der nicht im Entferntesten so klingt, als sei er mit Heerscharen an Technik in Verbindung zu bringen. Eher imaginiert man David Bowie, der seine Instrumente auf einem Flug ins Weltall vergessen hat. Sie hätten ihre Maschinen verstecken wollen, so Bangalter weiter.

Und gerade darin ist Random Access Memories beinahe beängstigend nahe am Zeitgeist. In einer Zeit, in der sich die Menschheit zunehemend fragt, wie sie mit der Explosion der technischen Möglichkeiten umgehen soll, sich beklemmt fühlt von gallopierendem technischen Fortschritt, machen Daft Punk ein Album, das mit erheblichem maschinellem Aufwand nicht technisch klingt. Und ist darin zukunftsweisend und am Zahn der Zeit zugleich. „Give life back to music“ – nichts geringeres versucht dieses Album. In den Beinen des Renzensenten hat das zumindest funktioniert.

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