Das Feuer in uns allen

von Julian Dörr

Derek Cianfrance liefert mit The Place Beyond the Pines den ersehnten Nachfolger zum gefeierten Blue Valentine. Und legt ein episches Melodrama über Väter, Söhne und die Unausweichlichkeit ihres familiären Erbes vor, das mit seiner emotionalen Wucht selbst die kühnsten Erwartungen noch übertrifft

„You can’t start a fire without a spark.“ Wenn die beiden White Trashler Luke und Robin nach dem ersten erfolgreichen Banküberfall halbnackt zu Bruce Springsteens größtem Gassenhauer tanzen, dann packt Regisseur Derek Cianfrance die Enttäuschungen und Schläge, aber auch die Hoffnungsschimmer und Triumphe eines ganzen verkorksten Lebens in eine winzige Szene.

© Focus Features

Es ist der Ausgangspunkt einer der tiefschürfendsten Tragödien des zeitgenössischen Kinos. Die Flamme ist entfacht, das Feuer lodert, der Donner grollt. Dunkle Wolken am Horizont: „If you ride like lightning, you gonna crash like thunder.“ Ein Gänsehautschauer.

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Der Amerikaner Derek Cianfrance, der vor zwei Jahren mit Blue Valentine (2010) das Genre des Liebesfilms brutal entzauberte, hat mit The Place Beyond the Pines nun ein episches Melodrama geschaffen, das die Tiefen der Psyche seiner männlichen Protagonisten schonungslos ausleuchtet. Und auf wundervoll subtile Weise die großen Fragen des Lebens aufwirft.

Da ist der Zirkus-Stuntfahrer Luke Glanton (Ryan Gosling), der nur durch Zufall von seinem einjährigen Sohn Jason erfährt. Und der von nun an für ihn und seine Mutter Romina (Eva Mendes) sorgen will. Auch um dem Kleinen das Schicksal seines Vaters zu ersparen: „I wasn’t around my dad. Look the way I turned out.“

Lukes Konterpart bildet der Streifenpolizist Avery Cross (Bradley Cooper), ebenfalls Vater eines einjährigen Sohnes. Ein einfacher Cop mit Juraabschluss, den es aber – als Gegenentwurf zum erfolgreichen Vater, dem „Superhelden in der Richterrobe“ – auf die Straßen zog. Ein abwesender und ein überpräsenter Vater. Die Koordinaten zweier Leben werden früh gesteckt.

The Place Beyond the Pines nimmt sich sehr viel Zeit, um eine große Erzählung von Vätern und Söhnen, von Berufungen und Vermächtnissen, von Verantwortung und Schuld auszubreiten. In drei Episoden entfaltet sich die Geschichte von Luke, Avery und ihren Söhnen Jason und AJ mit der Wucht und Fatalität einer griechischen Tragödie.

Um seinem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen, raubt Luke auf seinem Motocross-Bike Banken aus. Und Avery Cross, der ehrliche Polizist, verpfeift seine korrupten Kollegen, die bei einer illegalen Hausdurchsuchung Lukes Beute in die eigenen Taschen verschwinden lassen. Es geht in diesem großen Film auch um zwei Männer, die eine moralische Verpflichtung in ihrem Leben verspüren. Und dieser auf unterschiedliche Art und Weise nachgehen. Den einen zwingen die Umstände in die Kriminalität, der andere wird irgendwann Justizminister des Staates New York werden.

Es ist Derek Cianfrances große Meisterleistung, wie er die unterschiedlichen Handlungsstränge von The Place Beyond the Pines miteinander verknüpft. Die in chronologischer Abfolge spielenden Episoden folgen einer eigenen inneren Dramaturgie. Und doch eröffnen sich im mäandernden Fluss der Ereignisse immer wieder brilliante Parallelen. So passen sowohl Luke, als auch Avery die Kellnerin Romina nach einem langen Arbeitstag auf ihrem Weg zum Auto ab. Der eine übergibt ihr das gestohlene Geld für seinen Sohn. Der andere versucht, ihr das mittlerweile zweifach gestohlene Geld wieder zurückzugeben.

The Place Beyond the Pines schafft es, in seinen beinahe zweieinhalb Stunden eine ergreifend dichte Atmosphäre zu erschaffen und zu erhalten. Dies liegt sicherlich auch am überragenden Spiel der beiden Hauptdarsteller Ryan Gosling und Bradley Cooper. Den wenigen Raum, den die beiden auf der Leinwand lassen, füllen souverän vorgetragene Nebenrollen wie Ben Mendelsohn als Lukes väterlicher Freund Robin und Ray Liotta als korrupter Cop Deluca.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang auch Mike Patton, der für den Soundtrack zu The Place Beyond the Pines verantwortlich ist. Seine sphärischen, minimalistischen Kompositionen sind die Katalysatoren der eingangs erwähnten Gänsehautschauer.

Ohne jeden Zweifel hat Derek Cianfrance mit diesem Film sein Meisterstück inszeniert. Und ein Meisterwerk von emotionaler Schlagkraft geschaffen, das noch lange nach Verlassen des dunklen Kinosaales nachwirkt. Einstellungen wie die des Sohnes Jason, der – wie sein Vater einst auf dem Motorrad – mit seinem BMX-Bike die gewundenen Straßen Upstate New Yorks hinabrauscht, sind nichts anderes als Filmbilder für die Ewigkeit.

In The Place Beyond the Pines lauert eine faszinierende Unausweichlichkeit hinter diesen starken Bildern. Die Gewissheit, dass Söhne dem Erbe ihrer Väter nicht entrinnen können. Beim umjubelten Wahlsieg zeigt die Kamera Avery Cross ein letztes Mal. Es ist die Subjektive des Sohnes AJ, der auf den Rücken seines gefeierten Vaters blickt. Geschichte wiederholt sich, das macht dieser kurze Augenblick unmissverständlich klar. Ein überpräsenter und ein abwesender Vater.

Und dann schwingt sich Lukes Sohn Jason zu den Klängen von Bon Ivers „The Wolves (Act I and II)“ auf sein Motorrad und verschwindet gen Westen. „What might have been lost“, lautet die Coda dieses Songs. Nein, hier ist nichts verloren. Und nichts vergessen. Der große Amerikaner William Faulkner sagte dazu: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Denn die Flamme ist entfacht, das Feuer lodert. Auf ewig.

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