Ein Stück Authentizität

von Dennis Pohl

Kurt Vile ist mit seinen Violators im Berliner Bi Nuu zu Gast. Der Sound ist fürchterlich, das Konzert dafür um so besser. Es bedient ein Gefühl, das so alt ist wie die Rockmusik selbst

Tritt man an diesem Abend aus der lauen Berliner Dämmerung hinein ins Bi Nuu, so empfängt einen – Metallica. Jemand muss angesichts Viles Langhaarfrisur die falschen Schlüsse gezogen und ihn voreilig einem bestimmten Genre zugeordnet haben. Oder aber man möchte mit dieser Einstimmung den Effekt von Viles Musik maximieren. In diesem Fall: Chapeau! Denn kaum etwas könnte das Zurückgenommene und Fließende im Sound des 33-Jährigen aus Philadelphia besser verdeutlichen, als die Gegenüberstellung mit der am prominentesten auf den Punkt hämmernden Band der letzen drei Dekaden.

kurt vile

Das Publikum jedenfalls nimmt es hin. Recht gemischt ist es an diesem Abend: mal jung, mal hip, dann wieder unscheinbar, mittleren Alters und interessiert. Hier und da lassen sich sogar ein paar ergraute Zöpfe ausmachen.

Nach weiteren drei Metallica-Stücken ist es dann so weit. Ein Haarschopf, der dem jungen Robert Plant die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, betritt die Bühne. Flankiert von seinen Violators begrüßt er den Saal mit knappem „Yo!“ und stimmt „Wakin On A Pretty Day“ an, den Opener und Quasi-Titelsong des jüngst erschienenen Albums Wakin on A Pretty Daze. Der Neunminüter mäandert vor sich hin, findet sein Ziel, ohne es zu suchen, und mündet schließlich in eine Art Welle des Gitarrensounds. Überhaupt klingt Vile live kratziger und unfertiger, als seine Aufnahmen suggerieren.

Doch das mag auch daran liegen, dass der anwesende Tontechniker nicht seinen besten Tag erwischt hat. Gleich zu Beginn ist Viles akustische Gitarre viel zu laut eingestellt, sie beißt sich ins Ohr, übertönt Band und Gesang. Solche Probleme ziehen sich über die gesamte Dauer des Konzertes. Dieses oder jenes Instrument ist zu laut, dann wieder zu leise, eigentlich für den Hintergrund konzipierte, elektronische Einspieler drängen sich in den Vordergrund. Es wird gestikuliert und angezeigt. Und dann das nur sporadisch eingesetzte Keyboard …ach, lassen wir das.

Viel erstaunlicher ist, dass das Konzert trotzdem hervorragend funktioniert. Kurt Vile & The Violators mögen keine herausragenden Live-Musiker sein. Dafür aber nimmt jeder einzelne Song, den die Band an diesem Abend spielt, seine eigene Gestalt an, offenbart individuelle Bezugspunkte. So klingt der heimliche Hit des letzen Albums, „Jesus Fever“, auf der Bühne nach den Modern Lovers, 1976 in New York City. Ein Teil des elegischen „Girl Called Alex“ wird mit einer riesigen Wall of Sound versehen und das eher zurückhaltende „Ghost Town“ klingt, als hätten die Velvet Underground zur Zeit von White Light/White Heat die Effektgeräte von heute zur Verfügung gehabt.

Das klingt echt, unvermittelt und vor allem – authentisch. Dem tut auch die mangelnde Tonqualität keinen Abbruch. Im Gegenteil gar, dieser ungeschliffene Sound ist Viles Authentizität zuträglich. Denn ist es nicht gerade das, was man bei einem Livekonzert erleben möchte? Songs an ihrer Wurzel kennenlernen, die Aura handgemachter Musik spüren?

Auch die heute arrivierten Helden der Popgeschichte hatten in ihren (heute legendären) Anfangstagen mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen lupenreinen Sound. Sie müssen sogar ziemlich fürchterlich geklungen haben, die Konzerte im ranzigen CBGBs oder anderen Tempeln der Jugend des Pop. Dennoch sind es jene Konzerte, zu denen sich heute jedermann zurück wünscht.

Denn die Qualität des Klanges ist, zumindest bei dieser Art von Musik, Nebensache. Es geht um das Gefühl, die Aura des Ungefilterten. Jenen Moment, wenn die verzerrten Gitarren einsetzen, alles ein wenig zu laut wird, schwammig, unkontrolliert. Ein hermeneutischer Moment, den bisher keine Technik der Welt kompensieren kann. Gerade in einer Zeit, in der Authenzität wie nie zuvor zur Disposition steht, ist dieses Live-Gefühl eine Wohltat. Um so schöner, dass Kurt Vile & The Violators es heute noch zu bedienen wissen.

„Was für ein Brei!“, brummt ein Nebenmann gegen Ende des Konzerts und geht. Anfänger.

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