Ausbruch aus der Retro-Falle

von Julian Dörr

Don’t look back in anger? Mit dem Britpop kam die Zerrissenheit der populären Musik zwischen Retro und künstlerischem Fortschrittsdrang im Mainstream an. Die neuen Alben von Suede und Beady Eye lassen nun dieses Paradox der Popkultur wieder aufleben. Brett Anderson reist mit der Zeitmaschine Bloodsports zurück in die Vergangenheit. Und Liam Gallagher spielt unter Produzent Dave Sitek eine durchwachsene Platte ein, die ihn aber dennoch von der Erblast einer ganzen Epoche befreit und den ewigen Proll als neuen Künstler wiedergebärt

Am Anfang steht eine Exkursion in die Vergangenheit. Es war der Tag nach der Revolution. Und Jarvis Cocker erlebte, getragen von seinem bis heute unübertroffenen Gesangsamalgam aus der augenzwinkernden Larmoyanz des ewigen Crooners und dem zynisch-nüchternen Vortrag des großen Gesellschaftsanalysten, den kreativen Zenit. Im Frühjahr des Jahres 1998 veröffentlichte seine Sheffielder Popcombo Pulp This Is Hardcore, den lange erwarteten Nachfolger ihrer großen, späten Durchbruchsplatte Different Class.

Britpop

Dieses Album und vor allem die wahnwitzig erfolgreiche Single „Common People“ hatten Pulp drei Jahre zuvor in die Premier League des britischen Pops aufsteigen lassen. Im Sommer 1995 bildete Jarvis Cocker zusammen mit Damon Albarn von Blur und Oasis’ Liam und Noel Gallagher die heilige Dreifaltigkeit des Britpops, der wiedergefundenen Coolness der Popnation Großbritannien.

In diesen Jahren erlebte die Musikwelt den Aufstieg und Fall eines neuen britischen Popimperiums. Blur triumphierte im medial aufgeblasenen Battle of Britpop über die Rivalen Oasis. Diese rächten sich mit dem unvergleichlichen kommerziellen Erfolg von (What’s the Story) Morning Glory? und schufen nebenbei ein neues Subgenre, den Noel Rock. Doch dann hielt die Hybris Einzug und der ältere Gallagher erklärte Oasis für „bigger than fucking God.“ Am Ende setzten die Brüder aus Manchester selbst mit ihrem dritten Album Be Here Now den drogenbefeurten, paranoid-größenwahnsinnigen Höhe- und Schlusspunkt der gesamten Bewegung.

1997. The Year Britpop Broke Down. Drogen, Größenwahn und interne Streitigkeiten zwischen den Brüdern Noel und Liam Gallagher hatten ein aufgeblähtes, überproduziertes Monster geschaffen. Der Rolls Royce war bildlich im Pool versenkt. Und Blur ließen mit ihrem selbstbetitelten, fünften Album ihr bisheriges Markenzeichen, die ausgestellte Britishness, zu Gunsten einer Amerikanisierung ihres Stils fallen, ausgerechnet im Sinne des alten Feindbildes Grunge.

Es war der Tag nach der Revolution. Und es lag an Pulp, einen würdigen Epilog für dieses Kapitel britischer Musikgeschichte zu verfassen. This Is Hardcore wurde dann auch ihre beste, weil am tiefsten geschichtete Platte. Im finalen „The Day After the Revolution“ fand Jarvis Cocker in der ganzen Grandezza des überlebenden Lebemannes die richtigen Schlussworte: „The revolution was televised. Now it’s over […]. The rave is over […]. The hangover is over. Men are over. Women are over […]. Irony is over. Bye Bye.“ Jahre später imaginierte sich der Pophistoriker retrospektiv ein weiteres, gehauchtes Lippenbekenntnis Cockers hinzu: Britpop is over.

Heute, 15 Jahre nach This Is Hardcore, sollte man meinen, das Thema Britpop sei ein für alle Mal vom Tisch. Denn Oasis, Pulp, Blur und viele ihrer Zeitgenossen sind aufgelöst, bzw. produzieren keine neuen Alben mehr. Nun überraschten im März diesen Jahres der Britpop-Pionier Brett Anderson und seine wiedervereinte Band Suede mit dem ersten neuen Album seit elf Jahren. Und auch Liam Gallagher und die Oasis-Reste von Beady Eye kehren mit ihrem jüngst erschienenen, zweiten Album BE in die Manege des Popzirkus zurück.

Suedes neustes Werk Bloodsports ist dann auch eine Zeitmaschine geworden. Eine Reise zurück in die 90er. Die Gitarren kreischen und flirren wie anno 1993 durch zuckersüße Sehnsuchtshymnen, aus Andersons Gesang fließt das Pathos weiter in Strömen. Auch produktionstechnisch (dieser Hall!) ist ein konsequenteres Anknüpfen an das eigene, bereits einmal der Historie überlassene Werk nicht vorstellbar. Nun führen uns dieser Archivgestus, diese Bewahrermentalität direkt zum Kern eines dem Britpop innewohnenden Paradoxes. Ein Zwiespalt, mit dem die Hauptakteure des Genres bis heute kämpfen.

Retromania

Der britische Journalist und Autor Simon Reynolds macht in seinem berüchtigten Buch Retromania: Pop Culture’s Addiction to Its Own Past einen Paradigmenwechsel in der Popmusik der 80er aus:

„When I look back at the development of pop and rock during my lifetime as an alert, conscious fan, what perplexes me is the slow but steady fading of the artistic imperative to be original […]. […] [F]rom the mid-eighties onwards […] that [the desire to create something never heard before] changed into an impulse to create something very much heard before […].“

Im Schaltsystem des Pops stellten sich laut Reynolds die Weichen um: „Retro-styled groups had generally been a niche market […]. But now these kinds of heavily indebted bands […] could become ’central’: epoch-defining figures even when the substance of their sound referred back to a much earlier epoch.“ Pop begann sich mehr und mehr für die eigene Geschichte zu interessieren.

Diese Beobachtung trifft auch auf den Britpop zu, der teilweise aus dem Nährboden der britischen Indieszene der 80er erwuchs. Suede und Brett Anderson formten sich am androgynen Glam-Bowie der Ziggy Stardust-Phase. Während Blur sich eher auf dessen Hunky Dory bezogen und mit Einflüssen der britischen Indiepopper XTC würzten. John Harris fügt diesem Bezugsrahmen in seinem großen, populärhistorischen Band Britpop! Cool Britannia and the Spectecular Demise of English Rock noch eine äußerst scharfsinnige Beobachtung hinzu. Damon Albarn sei in seiner Liebe zu Ray Davies der Wiederentdecker des Kinks-esquen sozialen Kommentars gewesen.

Auch Pulp waren, als dienstälteste Band des Britpops, tief in der Vergangenheit verwurzelt. Jarvis Cocker kanalisierte Popgeschichte, vom französischen Chansonier Serge Gainsbourg bis zu Brian Ferry, dem Gentleman of Pop, und Roxy Music. Owen Hatherley identifiziert Pulp in Uncommon, einem Essay über die Band, als letztes Glied einer pophistorischen Erblinie, die über The Kinks und David Bowie bis zu den Pet Shop Boys und The Smiths führt. Über die vielleicht größte Retro-Band dieser Zeit, Oasis, der böse Zungen bis heute eine ganze Karriere aus Beatles-Ripoffs nachsagen, muss an dieser Stelle kein weiteres Wort mehr verloren werden.

Nun war die Zeit des Britpops eine äußerst zwiegespaltene Epoche der populären Musik. Auf der einen Seite steht die stark ausgeprägte Rückwärtsgewandtheit all ihrer Akteure. Auf der anderen Seite ist es aber unmöglich, das von Reynolds beobachtete Verschwinden des künstlerischen Imperativs pauschal für alle Beteiligten anzunehmen. Britische Musikgeschichte entfaltete sich seit jeher im Spannungsverhältnis zwischen art-school und Arbeiterklasse, zwischen androgynen Kunstfiguren der Glam-Ära und virilen, straßengestählten Lads.

Wie John Harris feststellt, kristallisierten sich auch in der Zeit des Britpops zwei unterschiedliche Lager heraus. Die Londoner Bands um Blur, Pulp und auch Elastica, mit ihrer Vorliebe für Art-Pop und dessen experimentelles Grenzgängertum, und die proletarischen Rock’n’Roller und Lennon-Enthusiasten von Oasis, „seemingly set on tapping British music into the eternal verities of cranked-up ampilfiers and the three-chord trick.“

Be here now. Das einstige Manifest des auf den Moment versessenen Pops. Musik zur Zeit und für morgen. Und ihr Gegenpol, die Retromanie der record-collection rocker. In diesem Spannungsfeld oszillierte der künstlerische Imperativ des Britpops. So bewiesen Pulp, trotz ihrer Stellung als Vermächtnisverwalter des britischen Indiepops, mit Different Class und This Is Hardcore auch ein ausgeprägtes Gespür für den Zeitgeist. Aufgehend in der Gegenwärtigkeit des Pops lieferten sie einen treffenden Kommentar zur Zeit. Auch Blur emanzipierten sich, wie bereits erwähnt, sehr schnell von ihren anglozentrischen Wurzeln. Sowohl im genretranszendierenden Meisterwerk 13, als auch im Schwanengesang von Think Tank und später in den vielen, ambitionierten Projekten ihres Masterminds Damon Albarn schlug das ruhelose Herz des Pops wider den künstlerischen Stillstand.

Britpop-Collage

Es bleiben also Suede, die ihre Ewiggestrigkeit auf Bloodsports eindrucksvoll unter Beweis stellen, und Oasis. Deren Karriere war nach Be Here Now eher von der Bewahrung des Status Quos und vom Wiederaufguss bewährter Rezepte geprägt. Nach der Trennung im Herbst 2009 wichen sowohl Noel als auch Liam Gallagher nicht von diesem Pfad ab. Interessanterweise zeigte aber auch die kritische Rezeption des Beady Eye-Debüts Different Gear, Still Speeding den allzu menschlichen Wunsch nach gewohnten Mustern. So sprach der deutsche Rolling Stone 2011 von Liams drittbesten Album. Auch musikalisch war man dem mächtigen Schatten von Oasis nicht entwachsen.

Doch nicht nur der kleine Bruder zögerte, die Nabelschnur in die Vergangenheit endgültig zu durchtrennen. Noel Gallaghers erste Soloarbeit Noel Gallagher’s High Flying Birds zementierte dessen Ruf als einer der besten Songwriter seiner Generation. Einer Generation aus einer vergangenen Epoche. „(I Wanna Live in a Dream in My) Record Machine“ und „Stop The Clocks“, die wahrlich schönsten Kompositionen seiner Platte, entstammten alten Oasis-Zeiten. Und das hörte man auch. Von gegenwärtigem Pop war Noel meilenweit entfernt.

Umso überraschender ist, dass Liam Gallagher mit BE das schafft, woran der ältere Bruder, in dessen kreativen Schatten der Jüngere Zeit seines Lebens stand, bislang scheiterte. Der vollständigen Emanzipation von der Erblast der Vergangenheit. Dem mutigen Schritt in eine neue künstlerische Freiheit.

BE ist nun keine gute Platte geworden, aber eine bedeutende. Den Popsong, der die Größe seines Egos widerspiegelt, sucht Liam Gallagher gemeinsam mit Andy Bell und Gem Archer noch immer. Doch die Wahl des amerikanischen Produzenten Dave Sitek stellt sich als absoluter Glücksgriff heraus. Schon im Vorab versprach der jüngere Gallagher „none of that crap from the 90s.“ Und nach Oasis klingt hier nichts mehr. Sitek, auf dessen Lebenslauf sich amerikanische Größen wie die Yeah Yeah Yeahs und TV on the Radio finden, hat auf BE durchschnittliche Kompositionen in interessante Songs verwandelt. So lösen die typischen Sitekschen Bläser auf „Second Bite of the Apple“ die Briten vollständig aus ihrem gewohnten Klangkosmos.

Sicherlich hat der auf Phrasen wie „Come on“, „Shine a light“ und „Spread your wings“ adaptierte Liam Gallagher auch als Lyriker noch einen weiten Weg zu gehen. Anders aber als sein Bruder Noel und Brett Anderson hat er nun, wie schon Damon Albarn und Jarvis Cocker vor ihm, den Ausbruch aus der Retro-Falle gewagt. „Flick of the Finger“, das Eröffnungsstück des neuen Albums, endet mit der Tonaufnahme eines Theaterstücks: „Don’t be deceived, when your revolution has been finally stamped out, and they pat you paternally on the shoulder, and say that there’s […] no more reason for fighting.“ Es ist der Tag nach der Revolution und die Zukunft des Liam Gallagher beginnt jetzt.

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