Der Realismus ist ein Humanismus

von Julian Dörr

Die Liebe zweier Frauen in der unüberbrückbaren Kluft sozialer Milieus und menschlicher Lebensanschauungen. Mit La Vie d’Adèle gelingt Abdellatif Kechiche ein beeindruckender Spagat zwischen realistischer Sozialstudie, philosophischer Sinnsuche und der simplen, sinnlichen Schönheit des Menschseins

Die Narben, die La Grande Guerre in der französischen Landschaft und den Köpfen ihrer Bewohner hinterlassen hatte, waren noch nicht verheilt, da drohte am Horizont bereits neues Unheil. Eingeschlossen zwischen zwei faschistischen Systemen durchlebte Frankreich in den Dreißiger Jahren unsichere Zeiten. Düster schien die Zukunft, bedrohlich und fatal.

048139_1400

Der französische Film der Zwischenweltkriegszeit sog diesen Pessimismus in sich auf. Und katapultierte das Kino binnen weniger Jahre aus der Vormoderne. Regisseure wie Jean Renoir, Marcel Carné und Jean Vigo schufen überhaupt erst einen filmischen Realismus, den sogenannten Poetischen Realismus. Ihre vom Schicksal geschlagenen und getretenen, meist proletarischen Helden kämpften sich durch finstere Tage, an deren Ende doch nur die Unausweichlichkeit ihres Scheiterns wartete. Wirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit. Zukunftsangst. Die soziale Realität nahm Einzug in die Kinosäle.

Natürlich erscheint die soziale Realität im heutigen Frankreich dann doch nicht so furchteinflößend wie noch vor beinahe 80 Jahren. Aber dennoch hängt die Eurokrise als drohende Gewitterwolke seit einigen Jahren auch über Mitteleuropa. Korrupte Politiker verstecken Vermögen in Steueroasen. Und tausende Franzosen protestieren gegen eine „Ehe für Alle“.

In diesen Zeiten hat Abdellatif Kechiche seinen Film La Vie d’Adèle gedreht. Doch die Geschichte der jungen Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos), die in ihrer Hingezogenheit zur Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) zunächst ihre Sexualität entdeckt und sich dann auf die Suche nach ihrem Ich, ihrer Erfüllung begibt, ist mitnichten ein politisches Plädoyer für die Gleichstellung aller Formen von Partnerschaft.

Denn der Fokus des in Tunesien geborenen Regisseurs liegt anderswo. Natürlich, harmonisch und unaufgeregt ist der Umgang mit Sexualität in La Vie d’Adèle, die Probleme erwachsen hier aus anderen Lebensbereichen. In der Beziehung zwischen Adèle und Emma stehen sich zwei Auffassungen des Menschseins gegenüber.

Im ersten Drittel des Films, das sich auf die Schulzeit Adèles konzentriert, dominiert eine deterministische Sichtweise. So ist beispielsweise im Französischunterricht die Rede von der Unausweichlichkeit des Schicksals in der griechischen Tragödie. Auch die berühmte Liebe auf den ersten Blick sei, so Adèles Lehrer, Teil dieses Konzepts. Wenig später kommt es auf der Straße zur ersten Begegnung der beiden zukünftigen Liebenden. Und Abdellatif Kechiche inszeniert diesen Moment, als entfalte sich aus ihm das Leben seiner jungen Protagonistin.

Diesem Schicksalsglauben steht der Charakter der Emma gegenüber. Sie weckt Adèles Interesse für Philosophie, empfiehlt der lesebegeisterten Schülerin Jean-Paul Sartres Der Existenzialismus ist ein Humanismus. Im Kern von Emmas Wesen liegt ein Satz des französischen Philosophen: „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“

Teil des Grundkonflikts in La Vie d’Adèle ist die Dichotomie von Schicksal und Zufall. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, die letzte Einstellung des Films. Der reine Zufall verwehrt Adèle vorläufig den Neuanfang, den Ausbruch aus ihrer eigenen, kleinen Tragödie.

ffm_logo_2013_pos

Abdellatif Kechiches Werk ist vor allem ein Film der Gegensätze. Hetero- und Homosexualität gehören nicht dazu. Poesie und Realismus schon eher. Es ist die große Errungenschaft dieses sehenswerten Films, dieses scheinbare Gegensatzpaar miteinander zu verknüpfen und dem Kino einen neuen, poetischen Realismus zurückzugeben.

Denn La Vie d’Adèle ist über weite Strecken ein realistisches Portrait sozialer Milieus, ihrer Unterschiede und Eigenschaften. Emmas weltoffene Künstlerfamilie und Adèles liebevolle, doch kleinbürgerliche Eltern. Frische Muscheln und Wein bei den einen, immer wieder Pasta und Fernsehen bei den anderen. Dem Zuschauer dämmert langsam: Sollte diese Beziehung scheitern, läge es wohl nicht an der Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft, sondern an der Unvereinbarkeit von Lebensmodellen.

Von gnadenlosem Realismus zeugt auch die Darstellung der Körper. Vor allem Adèles Mund wird hier zum Fixpunkt. Überragend, wie die junge Schauspielerin Adèle Exarchopoulos ihre ganze Körperlichkeit zwischen Tränen, Schnodder und Tomatensauce in diesem Teil ihres Gesichts bündelt.

Doch werden wohl besonders die ausschweifenden Liebesszenen der beiden Hauptdarstellerinnen in Erinnerung bleiben, so explizit und intim, dass sich der Zuschauer ob seiner voyeuristischen Position beinahe schämt. Und doch sind sie in ihrer grafischen Eindeutigkeit das Zentrum von Kechiches poetischen Realismus.

Küsse im Gegenlicht, glühende Körper. Was beinahe dokumentarisch scheint, ist sorgfältig inszeniert. In diesen Momenten schafft es der Film seinen zuvor etablierten Realismus sachte zu transzendieren. Eine poetische Ästhetik pulsiert in diesen plakativen Bildern nackter Körper.

Doch ist das Kunst? Oder ist das Voyeurismus? Eine Unterhaltung auf einer Party im Mittelteil des Films liefert dem Zuschauer Denkanstöße. Es geht um Sex, um die Wirkung des weiblichen Orgasmus. Und um die männliche Sicht in der Kunst. Rekurriert der Regisseur hier nicht vielleicht auf sich selbst? Steckt hinter all diesen zügellosen Liebesszenen nicht die männliche Faszination am Mysterium der weiblichen Sexualität?

Abdellatif Kechiche ist mit seinem Cannes-Gewinner La Vie d’Adèle ein Spagat gelungen. Zwischen realistischer Sozialstudie, philosophischer Sinnsuche und der beeindruckend simplen Schönheit des Menschseins. Adèles Geschichte trägt übrigens den Untertitel Chapitres 1 & 2. Der Gedanke an eine Fortsetzung im Sinne von François Truffauts Antoine Doinel-Zyklus sei ihm auch schon in den Sinn gekommen, gibt Kechiche im Interview zu. Und vielleicht wird Adèle ja die zeitgenössische Version des Alter Egos des großen französischen Regisseurs. Gemeinsamkeiten gibt es. So war Truffaut ein glühender Verehrer des Poetischen Realismus.

Advertisements