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Online Journal für populäre Kultur

Monat: Juli, 2013

Die amerikanische Nacht

by Julian Dörr

Eine Woche im Bannkreis des Kinos ist zu Ende. Zum Abschluss des 31. Filmfests München, eine Reise durch den zeitgenössischen, amerikanischen Film. Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen

Das Schwarz-Weiß-Bild ist ja prädestiniert für diese Art von Film. Da wird ein Gesicht in der Nahaufnahme zur Ikone. Da werden Falten zu Gräben, Schatten unter den Augen zu schwarzen Löchern. Die schweizerische Regisseurin Sophie Huber hätte also für ihr intimes Portrait des amerikanischen Schauspielers Harry Dean Stanton keine geeignetere Ästhetik finden können.

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Und auch die Umstände, unter denen dieser absolute Geheimtipp des diesjährigen Münchner Filmfests gezeigt wird, könnten intimer nicht sein. Draußen hält der Sommer endlich Einzug in der Stadt. Drinnen, das sind die spärlich besetzten Reihen im kleinsten Saal des Kinos an der Münchner Freiheit, erhebt der alte Mann auf der Leinwand wieder seine Stimme zum Gesang.

Ganz behutsam tastet sich die Dokumentation Harry Dean Stanton: Partly Fiction an diesen Mann heran, der lieber singt, als dass er aus seinem langen Leben erzählt. Sie lässt berühmte Filmpartner (David Lynch, Kris Kristofferson) ebenso zu Wort kommen wie persönliche Weggefährten. Herzergreifend die Begegnung mit dem Barkeeper, der Stanton seit 1968 seine Drinks serviert.

Seine Auslassungen sind die Stärken dieses Films, der am Ende doch einen Einblick in die wundersame Persönlichkeit seines Protagonisten gewährt. Harry Dean Stanton, der Tiefstapler und Schweiger, ist fasziniert und überzeugt von der Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz im großen Ganzen des Universums. Wie er denn erinnert werden möchte? „Doesn’t matter.“

Das amerikanische Kino. Der ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton prägt es seit Jahrzehnten. Er hat sie alle erlebt, die großen Ab- und Aufschwünge des Films in Amerika. Das Ende des Studiosystems, New Hollywood, die Postmoderne unter David Lynch. Doch wo steht das amerikanische Kino, einer der Schwerpunkte des Filmfests München, heute? Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen.

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In jedem Traumhaus ein Herzschmerz

by Julian Dörr

Hoch lebe das Kino der Lüge! Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino inszeniert in La Grande Bellezza das große, bedeutungslose Blabla des Lebens. Eine meisterliche Hymne auf die Leere der Ewigkeit, die Macht des Films und die Magie der Imagination

Es gibt Filme, die den Zuschauer schlicht überwältigen. Mit dem zauberhaften Duktus ihrer Erzählung, mit der Schönheit ihres Sujets, mit der somnambulen Macht ihrer Bilder, mit dem alten Tanz von Realität und Fiktion. Filme, die Ehrfurcht lehren vor der betörenden Magie des Kinos. Filme, die es einem schwer machen, in die Welt draußen vor dem dunklen Saal zurückzukehren. Filme, die ein Menschenleben verändern können.

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François Truffauts schönste Arbeit, L’Homme qui Aimait les Femmes, ist so ein Film. Oder Yasujiro Ozus Generationen-Meditation Tokyo Monogatari. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino hat sich nun eingereiht in die Riege dieser Leinwandmagier. Sein neuer Film La Grande Bellezza ist ein majestätisches Meisterwerk. Und der filmische Höhepunkt des diesjährigen Münchner Filmfests.

Im Zentrum steht überlebensgroß Sorrentinos Haus- und Hofschauspieler Toni Servillo als alternder Lebemann Jep Gambardella. Er ist der Mittelpunkt, um den sich das Leben der römischen upper class dreht. Desillusionierte Intellektuelle, verarmte Aristokraten, koksende Schauspielerinnen und lukullische Kardinäle. Sie alle treffen sich auf Jeps Terrasse, zu dekadenten Festen oder intimen Gesprächsrunden. Und immer zum Greifen nahe, das Kolosseum, dieses ewigste Bauwerk der Ewigen Stadt.

Paolo Sorrentino inszeniert Rom, die heimliche Hauptdarstellerin von La Grande Bellezza, mit traumwandlerischer Traurigkeit. Sakrales und Profanes mischt sich auf den gepflasterten Straßen. Doch in all den Prachtbauten und Traumvillen, hinter all den Selbstdarstellern und Lebenskünstlern, wohnt eine gähnende Leere, eine schmerzliche Unvollständigkeit, eine lähmende Bedeutungslosigkeit.

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Die Stunde des Anarchisten

by Julian Dörr

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Filmfest München präsentiert Nicolas Winding Refn seinen neuen Film Only God Forgives. Ein Werk von erhabener Konsequenz, das in seiner brillanten Einfachheit den Vorgänger Drive in den Schatten stellt

Und dann zückt der alte Mann mit schlohweißem Haar seine Tarot-Karten und sieht in die Zukunft. Alejandro Jodorowsky, der Psychomagier und letzte, große Wahnsinnige des Kinos, ist zu Gast in der Black Box im Münchner Gasteig. Denn das Filmfest ehrt den surrealen Visionär in diesem Jahr mit einer Retrospektive. Mit ihm auf der Bühne, der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn. Er ist der Mann, in dessen Zukunft hier heute geblickt wird.

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Refn präsentiert auf dem Filmfest München sein neues Werk Only God Forgives, Nachfolger des von der Kritik überschwänglich gefeierten Drive. Um die Story dieser kurzen, heftigen Eruption von einem Film wiederzugeben, braucht es nur wenige Worte. Denn sie absolut zweitrangig. Der Amerikaner Julian (Ryan Gosling), Drogendealer und Besitzer eines Boxclubs in Bangkok, sinnt gemeinsam mit seiner Mutter (Kristin Scott Thomas) auf Rache für den ermordeten Bruder Billy (Tom Burke).

Was sich in den folgenden 90 Minuten auf diesem minimalen Fundament der Emotionen aufbaut, ist nichts anderes als eine überstilisierte und hoch artifizielle Schlachtplatte. Und in eben dieser Reduktion übertrifft Only God Forgives seinen Vorgänger Drive um Längen.

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