Die Stunde des Anarchisten

von Julian Dörr

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Filmfest München präsentiert Nicolas Winding Refn seinen neuen Film Only God Forgives. Ein Werk von erhabener Konsequenz, das in seiner brillanten Einfachheit den Vorgänger Drive in den Schatten stellt

Und dann zückt der alte Mann mit schlohweißem Haar seine Tarot-Karten und sieht in die Zukunft. Alejandro Jodorowsky, der Psychomagier und letzte, große Wahnsinnige des Kinos, ist zu Gast in der Black Box im Münchner Gasteig. Denn das Filmfest ehrt den surrealen Visionär in diesem Jahr mit einer Retrospektive. Mit ihm auf der Bühne, der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn. Er ist der Mann, in dessen Zukunft hier heute geblickt wird.

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Refn präsentiert auf dem Filmfest München sein neues Werk Only God Forgives, Nachfolger des von der Kritik überschwänglich gefeierten Drive. Um die Story dieser kurzen, heftigen Eruption von einem Film wiederzugeben, braucht es nur wenige Worte. Denn sie absolut zweitrangig. Der Amerikaner Julian (Ryan Gosling), Drogendealer und Besitzer eines Boxclubs in Bangkok, sinnt gemeinsam mit seiner Mutter (Kristin Scott Thomas) auf Rache für den ermordeten Bruder Billy (Tom Burke).

Was sich in den folgenden 90 Minuten auf diesem minimalen Fundament der Emotionen aufbaut, ist nichts anderes als eine überstilisierte und hoch artifizielle Schlachtplatte. Und in eben dieser Reduktion übertrifft Only God Forgives seinen Vorgänger Drive um Längen.

Alles verharrt in diesem Film in erhabener Eindimensionalität. Die Charaktere, ihre Motivationen, die Entwicklung der Handlung. Sie dienen einzig und allein als Fassade für das lodernde Feuer der Blutrache. Anders als Drive möchte Refns aktuelles Werk nicht mehr sein, als es auf seiner zugänglichsten Ebene, dem Visuellen, ist. Grandios, wie der Regisseur zunächst einen love interest von Goslings Charakter andeutet, die betreffende Dame dann aber im weiteren Verlauf des Filmes einfach nicht mehr auftauchen lässt.

Nicolas Winding Refn sagt von sich selbst, er habe ein Fetisch für gewalttätige Emotionen, für Gewalt-Bilder. Nach dem durchwachsenen Drive lebt der Däne diesen Drang in Only God Forgives wieder bedingungslos aus. Anders als der namenlose Driver sind der Boxer Julian und sein Gegenüber Chang (Vithaya Pansringarm) nur noch und ausschließlich von körperlichem Schmerz getrieben. Entweder durch die Antizipation der eigenen Versehrung oder das Ausleben ihrer brutalen Rachegelüste.

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Abgesehen von ihrer wirklich minimalen Funktion als Motor der dünnen Handlung, ist die Gewalt hier aus allen Relationen gerissen. Sie ist ein Selbstzweck, eine self-fulfilling prophecy, die den Status Quo zementiert. Ich tue dir Gewalt an, weil du mir Gewalt angetan hast. Und damit du mir Gewalt antust. Für diese Konsequenz, die sich auch in den in thailändischer Sprache gehaltenen Filmcredits zeigt, hat Nicolas Winding Refn Achtung verdient.

Umschlungen und überhöht werden die Bilder des brutalen Gemetzels von einem Soundtrack, der wie der Maschinenraum im Bauch eines gewaltigen, künstlichen Ungetüms aus Stahl dröhnt. Es ist wohl der Moloch der Stadt, der seine Kinder frisst. Im Reigen mit einer wunderbar simplen Farbdramaturgie aus Rot- und Blautönen bilden Bild und Ton ein ästhetisches Gesamtkunstwerk aus Slow-Motion, Kamerafahrten durch menschenleere Gänge und statischen Karaoke-Einlagen.

Einen winzigen Wink, der auf eine mögliche, tiefere Metaebene dieser genial-konsequenten Kino-Orgie verweist, hat sich der Regisseur dann doch gegönnt. Frei nach dem Motto: Ein wenig Ödipus-Komplex geht immer. Julian, der mutmaßliche Vatermörder, taucht mit seiner Hand ein in den aufgeschlitzten Bauch seiner Mutter, als sehne er sich zurück in den Mutterleib. Einer der verstörendsten Momente dieser irrsinnigen Höllenfahrt. Und großer, mystischer Mumpitz. Der alte Mann mit den Tarot-Karten hätte es nicht besser gekonnt. Alejandro Jodorowsky, der Anarchist des Kinos, hat einen Erben gefunden. Konsequent wie er ist, hat Nicolas Winding Refn ihm dann auch seinen Film gewidmet.

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