In jedem Traumhaus ein Herzschmerz

von Julian Dörr

Hoch lebe das Kino der Lüge! Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino inszeniert in La Grande Bellezza das große, bedeutungslose Blabla des Lebens. Eine meisterliche Hymne auf die Leere der Ewigkeit, die Macht des Films und die Magie der Imagination

Es gibt Filme, die den Zuschauer schlicht überwältigen. Mit dem zauberhaften Duktus ihrer Erzählung, mit der Schönheit ihres Sujets, mit der somnambulen Macht ihrer Bilder, mit dem alten Tanz von Realität und Fiktion. Filme, die Ehrfurcht lehren vor der betörenden Magie des Kinos. Filme, die es einem schwer machen, in die Welt draußen vor dem dunklen Saal zurückzukehren. Filme, die ein Menschenleben verändern können.

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François Truffauts schönste Arbeit, L’Homme qui Aimait les Femmes, ist so ein Film. Oder Yasujiro Ozus Generationen-Meditation Tokyo Monogatari. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino hat sich nun eingereiht in die Riege dieser Leinwandmagier. Sein neuer Film La Grande Bellezza ist ein majestätisches Meisterwerk. Und der filmische Höhepunkt des diesjährigen Münchner Filmfests.

Im Zentrum steht überlebensgroß Sorrentinos Haus- und Hofschauspieler Toni Servillo als alternder Lebemann Jep Gambardella. Er ist der Mittelpunkt, um den sich das Leben der römischen upper class dreht. Desillusionierte Intellektuelle, verarmte Aristokraten, koksende Schauspielerinnen und lukullische Kardinäle. Sie alle treffen sich auf Jeps Terrasse, zu dekadenten Festen oder intimen Gesprächsrunden. Und immer zum Greifen nahe, das Kolosseum, dieses ewigste Bauwerk der Ewigen Stadt.

Paolo Sorrentino inszeniert Rom, die heimliche Hauptdarstellerin von La Grande Bellezza, mit traumwandlerischer Traurigkeit. Sakrales und Profanes mischt sich auf den gepflasterten Straßen. Doch in all den Prachtbauten und Traumvillen, hinter all den Selbstdarstellern und Lebenskünstlern, wohnt eine gähnende Leere, eine schmerzliche Unvollständigkeit, eine lähmende Bedeutungslosigkeit.

Diese hält auch Jep Gambardella gefangen, Journalist und Schriftsteller, der angesichts der ihn umgebenden Sinnlosigkeit nicht mehr in der Lage ist zu schreiben. So streift er durch die nächtlichen Straßen, von Party zu Party, von Bett zu Bett, zitiert pausenlos Flaubert und analysiert die Nichtigkeit seiner Selbst und seiner Mitmenschen.

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Man muss sich La Grande Bellezza als Gegenfilm zu Federico Fellinis La Dolce Vita vorstellen. Von der anderen Seite eines Menschenlebens her gedacht. Denn das Altern und der nahende Tod sind von der ersten Szene an allgegenwärtig in Sorrentinos großem Gesellschaftsporträt, das für Hauptdarsteller Toni Servillo den definitiven Film über die letzten dreißig Jahre in Italien darstellt.

Ein Film, der sich seiner Vorbilder und der Geschichte des italienischen Kinos bewusst ist, sie sorgfältig einwebt und doch nie plump zitiert. Durch Sorrentinos Werk weht der Geist Fellinis, seiner liebevoll inszenierten Skurrilitäten und Zaubertricks des Lebens. Kleinwüchsige Chefredakteurinnen, verschwindende Giraffen, eine Mariachi-Band. Und Türen, die des Nachts zu allen Sehenswürdigkeiten der Stadt führen, inklusive Poker spielender Prinzessinnen.

Paolo Sorrentino gehört zu den wichtigsten Regisseuren unserer Zeit. Nicht umsonst schenkt ihm das Filmfest München in diesem Jahr eine Werkshommage. Im Blick auf die Gesamtheit seiner Regiearbeiten erschließt sich die ganze Größe und Schönheit von La Grande Bellezza. Sorrentinos Filme sind Filme über Machtmenschen. So porträtierte er 2008 den italienischen Politiker Guilo Andreotti in Il Divo. Auch Jep Gambardella ist einer dieser Machthungrigen. Sein großes Ziel, der König des römischen Partylebens zu werden, hat der alternde Zyniker jedoch schon lange erreicht.

Der neapolitanische Regisseur zeigt aber auch Männer auf der Suche, auf der Suche nach Macht über das eigene Leben, auf der Suche nach Sinn. Cheyenne (Sean Penn) in This Must Be the Place ist einer dieser Männer, die versuchen, ihr Leben wieder mit Bedeutung zu füllen. Der Rockstar reist dafür quer durch die Vereinigten Staaten, durch die Geschichte seiner Familie. Die beiden Helden (Toni Servillo & Andrea Renzi) aus Sorrentinos Regiedebüt L’Uomo in Piú, die sich Namen und Schicksal als ausgemusterte Auslaufmodelle teilen, kämpfen um Anerkennung und die Erfüllung ihrer Berufung.

Sorrentino

Das neuste Werk fügt dieser Thematik eine weitere Dimension hinzu. Paolo Sorrentino hat einen Film gedreht über die Sinnsuche eines alternden Künstlers. In erster Linie ist La Grande Bellezza aber ein Film über die Magie des Kinos, die Macht der Imagination. Vor dem ersten Bild steht eine Passage aus Louis-Ferdinand Célines Voyage au Bout de la Nuit: „Die Reise, die wir hier machen, ist gänzlich imaginär. Darin liegt ihre Stärke. Sie führt vom Leben zum Tode. Menschen, Tiere, Städte und Dinge, alles ist nur Einbildung. Nur ein Roman, nichts weiter als eine erfundene Geschichte.“

Und so ist La Grande Bellezza ganz im Sinne Fellinis kein Kino der Wahrheit, sondern ein Kino der Lüge, ein großer Zaubertrick, der seine Zuschauer für beinahe zweieinhalb Stunden aus der Realität reißt und ihnen zeigt, was das Kino noch Großes erzählen kann, wenn man es denn nur lässt.

Am Ende ist alles ein Trick, der kreative Akt sowieso eine Lüge, das Leben eine Reise vom Anfang bis zum Ende, dazwischen nichts als bedeutungsloses Blabla. Jep Gambardella sucht die große Schönheit. Vielleicht ist es das Kino selbst, dieser große, irre Zauberkasten. Vielleicht sind es die Momente, die uns vorkommen wie im Film. Die bigger than life erscheinen.

Für Jep ist es der erste Kuss seiner Jugendliebe. Und wenn der Regisseur diese Szene schließlich enthüllt, dann erstrahlt sie wirklich, die Grande Bellezza. Vermutlich hat seit François Truffaut niemand mehr eine Frau mit solch bedingungsloser Verehrung inszeniert. Dass Paolo Sorrentino gerne selbst L’Homme qui Aimait les Femmes gedreht hätte, glaubt man ihm von nun an aufs Wort.

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