Die amerikanische Nacht

von Julian Dörr

Eine Woche im Bannkreis des Kinos ist zu Ende. Zum Abschluss des 31. Filmfests München, eine Reise durch den zeitgenössischen, amerikanischen Film. Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen

Das Schwarz-Weiß-Bild ist ja prädestiniert für diese Art von Film. Da wird ein Gesicht in der Nahaufnahme zur Ikone. Da werden Falten zu Gräben, Schatten unter den Augen zu schwarzen Löchern. Die schweizerische Regisseurin Sophie Huber hätte also für ihr intimes Portrait des amerikanischen Schauspielers Harry Dean Stanton keine geeignetere Ästhetik finden können.

MVI_7528_013407_BW_1400

Und auch die Umstände, unter denen dieser absolute Geheimtipp des diesjährigen Münchner Filmfests gezeigt wird, könnten intimer nicht sein. Draußen hält der Sommer endlich Einzug in der Stadt. Drinnen, das sind die spärlich besetzten Reihen im kleinsten Saal des Kinos an der Münchner Freiheit, erhebt der alte Mann auf der Leinwand wieder seine Stimme zum Gesang.

Ganz behutsam tastet sich die Dokumentation Harry Dean Stanton: Partly Fiction an diesen Mann heran, der lieber singt, als dass er aus seinem langen Leben erzählt. Sie lässt berühmte Filmpartner (David Lynch, Kris Kristofferson) ebenso zu Wort kommen wie persönliche Weggefährten. Herzergreifend die Begegnung mit dem Barkeeper, der Stanton seit 1968 seine Drinks serviert.

Seine Auslassungen sind die Stärken dieses Films, der am Ende doch einen Einblick in die wundersame Persönlichkeit seines Protagonisten gewährt. Harry Dean Stanton, der Tiefstapler und Schweiger, ist fasziniert und überzeugt von der Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz im großen Ganzen des Universums. Wie er denn erinnert werden möchte? „Doesn’t matter.“

Das amerikanische Kino. Der ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton prägt es seit Jahrzehnten. Er hat sie alle erlebt, die großen Ab- und Aufschwünge des Films in Amerika. Das Ende des Studiosystems, New Hollywood, die Postmoderne unter David Lynch. Doch wo steht das amerikanische Kino, einer der Schwerpunkte des Filmfests München, heute? Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen.

ZC4F2958_1400

Spricht man über den amerikanischen Film, so spricht man immer auch über das Spannungsfeld von Independent- und Studioproduktionen. Kauzig, skurril und ein wenig obskur wird es dann häufig, wenn man die Gewässer des Mainstreams verlässt und sich beispielsweise auf den irren Trip von Yellow einlässt. Nick Cassavetes, Sohn des großen Schauspieler-Regisseurs John Cassavetes, hat einen beeindruckenden Genre-Hybrid aus Selbstfindungsdrama, Musical und Animationsfilm geschaffen, der dann leider dramaturgisch doch um eine Ecke zu viel denkt.

Innovationsgeist und Mut, an dem es der Mumblecore-Veteranin Lynn Shelton in ihrem neuen Werk Touchy Feely mangelt. Zwar wartet ihr Familienportrait mit einem interessanten Grundkonflikt auf (eine Masseurin entwickelt eine Abneigung gegenüber der Haut ihrer Mitmenschen), doch bleiben die Charaktere in diesem leisen Film merkwürdig distanziert.

Der Realität entrückt. Dieses Gefühl lässt sich nach einigen Tagen Filmfest nicht mehr abstreifen. Soziale Kontakte schleifen vor sich hin, der restliche Alltag wird optimiert, Brotzeiten für die Stunden im Kinosessel geschmiert. Man träumt sich in die Welt des Kinos. Und das Kino träumt sich in die Vergangenheit.

Period pictures sind Symptome einer obsessiven Fixierung der Popkultur auf Vergangenes. Zumal, wenn Filmemacher wie der 67-jährige Sopranos-Schöpfer David Chase darin die Musik ihrer Jugend verarbeiten. So ist dessen Langfilm-Debüt Not Fade Away ein sorgfältig recherchiertes Zeitenbild der 60er, inklusive politischen Hintergrundrauschens. Ein harmloser, kleiner Film, der dem zu früh verstorbenen James Gandolfini die letzte Ehre erweist und dem Cineasten den herzlichsten Lacher des gesamten Festivals entlockt. Der junge Protagonist kuschelt sich mit seiner Freundin tief in den Kinosessel, auf der Leinwand läuft Antonionis Blow Up. Plötzlich posaunt er ein herrlich abgeklärtes Zwischen-Fazit heraus: „What is this movie? Nothing happens!“

Routiniert bis an die Grenzen der Belanglosigkeit ist auch Ariel Vromens Thriller The Iceman, mit einem zu jeder Zeit das underacting zelebrierenden Michael Shannon. Die Geschichte eines vom Doppelleben als Familienvater und Killer zerrissenen Mannes kann zu keinem Zeitpunkt aus der vorhersehbaren Parade genretypischer Standardsituationen ausbrechen.

BOB_AND_RUTH_1_1400

Das Wetter wird immer besser, die Tage im Kino immer länger, die Sitze immer unbequemer. Allabendliche Events rund um das Festival werden ignoriert. Laue, zugegebenermaßen texanische, Sommernächte gibt’s auch im Kino. Dort läuft David Lowerys Outlawballade Ain’t Them Bodies Saints, eine kleine Perle im großen Programm. In der abschließenden Fragerunde gibt der Texaner zu, er verstehe seinen Film als alternative Fortführung der Geschichte der beiden lovers on the run aus Terrence Malicks Badlands.

Große Worte. Und ein großer Wurf. Casey Affleck gibt in diesem meisterlich fotografierten Film den von der Liebe getriebenen Kriminellen Bob, der erst für seine Frau (Rooney Mara) ins Gefängnis geht und dann später wieder ausbricht, um zu ihr zurückzufinden. Mit dieser sehenswerten Darstellung ruft sich der jüngere Affleck-Bruder zurück ins Gedächtnis der Kinogänger. Und Regisseur David Lowery beweist eindrucksvoll, dass sich der mittlerweile im Selbstzitat verlorene Malick vor seinen Epigonen fürchten sollte.

In der Glut des Südens spielt auch das Regie-Debüt des größten Tausendsassas des zeitgenössischen, amerikanischen Kinos. Viel vorgenommen hat sich James Franco mit der Verfilmung des berühmten William Faulkner-Romans As I Lay Dying. Herausgekommen ist eine interessante, doch werksgetreue Interpretation, die den multiperspektivischen Ansatz der Vorlage in das filmische Mittel des Splitscreens übersetzt. Nun lebt der Film vor allem von der Größe Faulkners, doch ist es Franco zugutezuhalten, adäquate Bilder für die Tour de Force der Erzählung gefunden zu haben.

Einen interessanteren Umgang mit seiner literarischen Vorlage pflegt Michael Polishs Big Sur. Jack Kerouac (Jean-Marc Barr) ist ausgebrannt. Der Erfolg seines Romans On the Road hat ihn berühmt und die beat generation salonfähig gemacht. In Lawrence Ferlinghettis Hütte an der kalifornischen Küste, im mythischen Big Sur, will er wieder zum Schreiben zurückfinden. Michael Polish hat den späten Kerouac in seiner ganzen Zerrissenheit verfilmt. Aus dem Off kommentiert der Autor die Handlung, rattert das, was später die Zeilen seines Romans werden, herunter wie ein beschleunigender Güterzug. Und obwohl Big Sur ein Hauch des Todes, der Vergänglichkeit durchweht, getragen vom atmosphärisch dichten Soundtrack der The National-Brüder Aaron und Bryce Dessner, zelebriert Kerouac, der Worttrickser, noch einmal das Leben im Jetzt.

Ein Autor steht auch im Mittelpunkt von Suspension of Disbelief. Nun ist dessen Schöpfer Mike Figgis Brite, sein Werk eine britische Produktion. Doch dieser kleine Exkurs in Form eines Seitenhiebes sei dem Schreiber verziehen, handelt es sich bei dieser noiresquen Übereinanderschichtung von Realitätsebenen doch um einen der Tiefpunkte des Filmfests. Eigentlich ein filmischer Innovator dies- und jenseits des Atlantiks hat Mike Figgis mit diesem unerträglichen Mysteryspielchen einen altbackenen Abklatsch von Nouvelle Vague-Stilmitteln abgeliefert, der heute keinen Filminteressierten mehr vom Kinosessel reißt. Und der dem ästhetisch kopierten, großen Vorbild Week End nicht das Wasser reichen kann.

Crystal-Fairy_1400

Das Erbe Kerouacs, des Königs der Beatniks, macht auch heute noch die Stärke des amerikanischen Kinos aus. Das Leben im Hier und Jetzt, das Auskosten des Moments. James Ponsoldt hat sein kleines, federleichtes Coming-of-Age-Dramolett dann sinnigerweise auch The Spectecular Now genannt. Highschool-Clown Sutter Keely (Miles Teller) ist einer dieser So-jung-kommen-wir-nicht-mehr-zusammen-Partyproster, ein liebenswerter Slacker, bis er nach Jahren der Funkstille Kontakt zu seinem Vater aufnimmt. Und realisiert, wohin ihn sein allzu blindes Vertrauen in die Zukunft führen könnte. Ein klassisches Thema, doch die Independent-Produktion The Spectecular Now hebt sich auch wegen ihrer angenehm natürlich aufspielenden Jungdarsteller vom Einheitsbrei der Highschool-Filme ab.

Der größte Fund dann aber zu vorgerückter Stunde im kleinen Atelier-Kino. Die Spätvorstellung. Der größte Gegner, die eigene Müdigkeit. Denn nicht immer fällt es einem leicht, die Augen nach sechs Stunden Film im einschläfernden Dämmerlicht des Vorführsaales offen zu halten. Heute schon. So wunderbar erfrischend, bizarr und einfach nur verdammt komisch ist Crystal Fairy, die chilenisch-amerikanische Koproduktion mit Michael Cera.

Ein improvisierter Low-Budget-Streifen mit einem LOW in Großbuchstaben. Ort der Handlung: Ein chilenisches Dorf, die Wüste, das Meer. Drei der fünf Darsteller dieses Films sind Brüder des Regisseurs Sebastián Silva. Neulinge im Business. Drei reizende, chilenische Jungs, die in diesem Road- und Drogentrip mit einer Frische agieren, als hätte vor ihnen noch nie ein Mensch einen Film gedreht. Und ein famoser Michael Cera, der hier mit Genuss das penetrante, unentspannte Arschloch mimt.

Die Story ist so einfach und unbedeutend wie sie herzerwärmend ist. Vier Jungs und ein Hippie-Mädel auf der Suche nach dem San Pedro-Kaktus, dessen eingekochter Saft einen ganz besonderen Trip verspricht. Crystal Fairy ist ein Film, der wenig will, und gerade deshalb so viel gibt. Es sind Schätze wie dieser, denen man ein großes Publikum wünscht. Und für die man die Programmverantwortlichen des Filmfests beglückwünschen möchte. Denn es ist die wilde Vielfalt, die Mehrdimensionalität, von der das amerikanische Kino lebt. Jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei.

Atelier

Advertisements