Kakophonie der Großstadt

von Dennis Pohl

Julia Holters drittes Album Loud City Song führt den Hörer durch Los Angeles. Anhand der Vorlage eines Romanes der französischen Schriftstellerin Colette durchstreift Holter ihre Heimatstadt. Sie findet eine malade Mixtur aus Gossip, Starkult und viel Lärm um nichts. So richtig Pop möchte sie dabei nicht sein – und führt dennoch den Pop zurück zu sich selbst. Ein großes Album

In Vincente Minellis Verfilmung des Musicals Gigi aus dem Jahr 1958 gibt es folgende Szene: Ein Salon der Belle Époque. Ausgelassene Stimmung, es wird gelacht und getrunken. Eine junge Frau betritt in Begleitung eines Mannes der Upper Class den Raum. Plötzliche Stille. Die anwesenden Damen und Herren beginnen synchron zu tuscheln, beobachten sie unentwegt. Kurz darauf setzt die Musik wieder ein, die Party geht weiter. Der Name des Lokals: Maxim‘s.

© Elisabeth Heine

© Elisabeth Heine

Es ist eine eigenartige Szene. Einerseits scheint Maxim‘s ein durchaus freundlicher Ort zu sein. Man lebt, man liebt, ist in guter Gesellschaft. Auch besagte Blicke der Gäste sind durchaus anerkennend. Andererseit jedoch schwingt in diesen Bildern das beklemmende Gefühl der Beobachtung durch andere mit. Man wird Zeuge einer aufgeregten Öffentlichkeit, die nach Geschwätz und Skandälchen giert. Betritt die junge Dame diesen Raubtierkäfig, wird sie von Blicken durchbohrt, bewertet und kritisch beäugt.

Eben jenes Gefühl zwischen Grandezza und klaustrophobischer Enge überträgt Julia Holter in die beiden nach besagtem Lokal benannten Kernstücke ihres dritten Albums in drei Jahren, Loud City Song. Das großartige „Maxim‘s I“ beginnt mit dem analogen weißen Rauschen klirrender Cymbals und mündet in einen Popsong von traumwandlerischer Größe. „Tonight the birds/Are watching me/Do they have/More important things to do?“ Ein Schelm, wer angesichts dieser Vögelchen an Twitter denkt.

Der Sound wirkt hier schwelgerisch, sphärisch: wie ein Sedativum ob der Grandezza des Salons. Anders „Maxim‘s II“, welches sich den Text mit seinem Vorgänger teilt. Verschroben und fiebrig klingt es. Ein paranoides Stück mit Flüstergesang, dringlicher Perkussion und dröhnenden Bläsern. Die vertonte Bedrohung endet in jazzigem Gejaule – zwei Seiten der gleichen Medaille.

Es habe sie einfach interessiert, mit diesen Dynamiken innerhalb einer Gesellschaft zu arbeiten, sagte Holter kürzlich dem britischen Guardian. „Ich fühle mich wie bombardiert von der Lautstärke des Tratsches“, ergänzt die 28-Jährige. Sie frage sich, warum man selbst von renommierten Quellen beispielsweise über Dinge wie Kim Kardashians Gewicht informiert werde, Hand in Hand mit Nachrichten und Kultur. Auch wenn man es nicht beim ersten Durchlauf hören mag, es ist der städtische Lärm der Starlets und deren Gossip, den Julia Holter auf ihrem dritten Album verhandelt.

Julia Holter © Rick Bahto

Julia Holter © Rick Bahto

Dazu bedient sie sich des 1944 veröffentlichten Kurzromans Gigi der französischen Schritstellerin Colette, in dem ein junges Mädchen, halb zur Kurtisane herangezogen, sich in ihren reichen Herren verliebt. Holter dient diese Geschichte als Projektionsfläche, um sich an ihrer Heimat Los Angeles, der unumstrittenen Welthauptstadt des perfiden Starkults und Klatsches, abzuarbeiten.

Zeitgenössische Kulturkritik im Popformat? So weit, so alt. Doch wer nun ein Album erwartet, das sich der Hektik des modernen Lebens im Stil des jüngsten Neo-Folk Booms zu entziehen versucht, liegt falsch. Es ist eine offene Verhandlung, die Holter führt. Loud City Song handelt vom Leben in der Metropole und dessen allgegenwärtigen Widersprüchlichkeiten, dem Gewirr der Geräusche, dem täglichen Voyeurismus, der brutalen Schnelllebigkeit. Aber auch von privaten Nischen, dem Segen der Annonymität und dem Flow, der einen in der Großstadt tragen kann.

Diese Gegensätzlichkeit findet auch in der Textur des Albums ihre Entsprechung. Fiebrige, widerspenstige Stücke wechseln sich mit Ruheinseln des Pop ab. Hinter dem dringlich stampfenden „Horns Surrounding Me“ wirkt „In the Green Wild“ wie die musikalische Mimese dieses Tages im Grünen, weit entfernt von der an ihrer eigenen Geschäftigkeit überhitzenden Metropole. Holters ätherische Adaption von Barbara Lewis‘ Klassiker „Hello Stranger“ wäre dann so etwas wie die Fahrt zurück in die Stadt, die Ruhe vor dem Sturm, bevor mit „Maxim‘s II“ die unvermeitliche Panikattacke dieses Stadterlebnisses losbricht.

Man muss sich Julia Holter dabei als Flaneurin vorstellen, die mit offenen Augen und Ohren durch ihr Los Angeles streift. Sie sieht Frauen, die über ihre Frappucinos gebeugt den Gehweg observieren, während die kalifornische Sonne die Boulevards in Jupiterlicht taucht. Sie wird, wie in „Maxim‘s“, Zeuge einer nicht zuletzt durch die sozialen Medien angeheizten Maschinerie der Produktion von Starlets, die herangezogen werden, um letztendlich im Haifischbecken des Gossips zerrissen zu werden. Sie spielt Tennis mit Blicken, jenes subtil gewalttätige Spiel des Call-and-Response im Vorbeigehen, „passing fires of fight“. Bei alledem versteckt sich Holter unter ihrer Hutkrempe, wo die Stadt sie nicht sehen kann.

Loud City Song vertont diesen Spaziergang. Jeder einzelne Song ist dabei eine Station, ein weiterer Eindruck. Er beginnt, in Holters Apartment im fünften Stock, mit einer herausfordernden Einlassung („Heaven, all the heavens of the world / Are you looking for something?“) und endet spät nachts, sie muss den ganzen Tag gelaufen sein, in Dystopie („Screamers on the balconies / Soldiers on the roofs / Trombones on the roofs / The screamers who fell in love or died / City appearing“). Dazwischen liegt eines der wohl ambitioniertesten, ungewöhnlichsten und fesselnsten Alben dieses Jahres. Selten ist es wirklich Pop in Reinstform, jedoch auch niemals wirklich „ernsthafte Musik“. Eher so facettenreich wie ein zielloser Gang durch eine Metropole: mal kammermusikalisch beengt, mal orchestral und groß. Am einen Ende sperrig, am anderen leichtfüßig und beinahe Yacht-Rock.

Und ganz nebenher, sozusagen im Vorbeigehen, führt Julia Holter mit Loud City Song den Pop zurück zu einem seiner Gründungsmythen – dem Erzählen von Geschichten durch Musik.

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