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Online Journal für populäre Kultur

Monat: September, 2013

Geschichten aus dem Hinterwald

by Julian Dörr

Casper, die große Hoffnung der deutschen Musiklandschaft, veröffentlicht sein drittes Album Hinterland. Und die Presse liegt ihm zu Füßen. Dabei ist beim Grenzgänger des Raps nicht mehr zu holen als ein paar billige Amerika-Klischees und ziellose Straßenkampf-Lyrik

„What can a poor boy do except to sing in a rock ’n’ roll band?“, krakeelte vor mehr als 40 Jahren ein zorniger Mick Jagger. Das war 1968, in „sleepy London town“ gab es keinen Platz für einen jungen „street fighting man“ wie ihn. Es war die Zeit der Studentenproteste, der Bürgerrechtsbewegung. Rock ’n’ Roll war Rebellion. Und die Welt im Umbruch.

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Die Zeiten haben sich geändert. Oder etwa nicht? Schenkte man im Sommer 2011 dem deutsch-amerikanischen Rapper Casper Gehör, musste man zwangsläufig einen anderen Eindruck bekommen. Damals stilisierte das Video zum Opener seiner Chartstürmer-Platte XOXO den Straßenkampf in Schwarz. „Der Druck steigt!“, krächzte Casper. Und warf mit allerhand Parolen aus dem Lehrbuch des angry young man um sich. „Raus auf die Straßen!“, „Lauf um dein Leben!“, „Wir holen zurück, was uns gehört?“ Ja, was eigentlich?

Eine Antwort auf diese Frage blieb der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, schuldig. Handelte es sich bei all der Rebellionsromantik etwa um eine Kritik am Finanzkapitalismus? Um einen Aufschrei der ohnmächtigen Jugend Europas im Angesicht ihrer unverschuldeten Unmündigkeit in der Krise? Mitnichten. Viel eher um ein Ventil individuellen Unbehagens. Ein befindlichkeitsfixierter Aufstand, um es mit den Worten Marcus Wiebuschs zu sagen, des drögen Barden neuer deutscher Bürgerlichkeit.

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Fünf Alben westwärts

by Julian Dörr

Uh, la, la, la. Shoo bab, shoo bab. Da war doch noch wer? Zwischen Großbritannien und den USA, zwischen zuckrigem Sixties-Pop, fetten Black Sabbath-Riffs und sexy Hüftschwung haben die Exil-Briten der Arctic Monkeys doch tatsächlich ihr Meisterwerk versteckt

Fortschritt durch Technik. Eine dieser unerschütterlichen Weisheiten Amerikas. Es geht immer höher, weiter, besser, effektiver. Und schneller. Spätestens die digitale Revolution der vergangenen Jahrzehnte und die massenhafte Verbreitung des Internets haben noch ein paar Extra-Kohlen in die Öfen des Fortschritts gefeuert. Die Geschwindigkeit neuer Entwicklungen steigt exponentiell, Trends rasen nur so an uns vorbei.

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Erinnert sich noch jemand an Myspace? Dort hörte man sich in den ersten Jahren des jungen Jahrtausends (soll heißen: in den Jahren vor Facebook) tatsächlich die Musik neuer und heißer Bands an. Und die neuste und heißeste Band hieß 2006 Arctic Monkeys. Eine Bande bleicher, straßenschlauer lads aus dem britischen Sheffield, die ihre Gitarren knapp unter dem Kinn trugen und zum ersten demokratischen Hype des Internetzeitalters wurden.

Es war mal wieder eine gute Zeit für die Pop-Nation Großbritannien. Eine neue Generation von Insel-Bands war in aller Munde und Ohr. Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not, das Debüt der blutjungen Mannen um Sänger Alex Turner, bildete die Speerspitze einer ganzen Reihe erfolgreicher Exportschlager. Und schmeckte nach Zigaretten, Pub-Gelage und dem Schweiß durchtanzter Nächte.

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