Fünf Alben westwärts

von Julian Dörr

Uh, la, la, la. Shoo bab, shoo bab. Da war doch noch wer? Zwischen Großbritannien und den USA, zwischen zuckrigem Sixties-Pop, fetten Black Sabbath-Riffs und sexy Hüftschwung haben die Exil-Briten der Arctic Monkeys doch tatsächlich ihr Meisterwerk versteckt

Fortschritt durch Technik. Eine dieser unerschütterlichen Weisheiten Amerikas. Es geht immer höher, weiter, besser, effektiver. Und schneller. Spätestens die digitale Revolution der vergangenen Jahrzehnte und die massenhafte Verbreitung des Internets haben noch ein paar Extra-Kohlen in die Öfen des Fortschritts gefeuert. Die Geschwindigkeit neuer Entwicklungen steigt exponentiell, Trends rasen nur so an uns vorbei.

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Erinnert sich noch jemand an Myspace? Dort hörte man sich in den ersten Jahren des jungen Jahrtausends (soll heißen: in den Jahren vor Facebook) tatsächlich die Musik neuer und heißer Bands an. Und die neuste und heißeste Band hieß 2006 Arctic Monkeys. Eine Bande bleicher, straßenschlauer lads aus dem britischen Sheffield, die ihre Gitarren knapp unter dem Kinn trugen und zum ersten demokratischen Hype des Internetzeitalters wurden.

Es war mal wieder eine gute Zeit für die Pop-Nation Großbritannien. Eine neue Generation von Insel-Bands war in aller Munde und Ohr. Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not, das Debüt der blutjungen Mannen um Sänger Alex Turner, bildete die Speerspitze einer ganzen Reihe erfolgreicher Exportschlager. Und schmeckte nach Zigaretten, Pub-Gelage und dem Schweiß durchtanzter Nächte.

Ja, sie sahen gut aus auf der Tanzfläche. Doch alles, was die Arctic Monkeys damals zum heißesten Scheiß der Stunde machte, verbannte sie auch für immer und ewig auf die Playlisten aller Indie-Dorfdiscos zwischen Oldenburg und Rosenheim. Und in die üblichen Schubladen. Arctic Monkeys. Abgehakt.

Dabei handelt es sich bei Alex Turner, Jamie Cook, Nick O’Malley und Matt Helder um eine der besseren Gitarrenbands unserer Zeit. Nach einem retardierend überflüssigen zweiten Album (Favourite Worst Nightmare) holten sich die Briten zum dritten Streich Humbug den Stoner-König Josh Homme als Co-Produzenten ins Boot. Ein Weichensteller für die Zukunft. Womit wir wieder in Amerika wären.

Küsten-Americana statt Plattenbau-Romantik. Das kürzlich erschienene Album AM bildet den Höhepunkt einer amerikanischen Trilogie der mittlerweile geschlossen nach Los Angeles umgesiedelten Arctic Monkeys. Unüberhörbar ist auch auf dieser fünften Platte der Einfluss von Bandintimus Homme. Doch überraschen die jungen Exilanten 2013 mit einer ausgereiften Klangpalette und maximaler Spielfreude. Aus der Aufmerksamkeit heischenden Affenbande im Instrumentwettspiel ist mit der Zeit eine homogene und souveräne Band geworden.

So gniedelt sich beispielsweise „Arabella“ durch breitbeinigste Schweinerock-Phantasien. Und das zum Eröffnungsriff von Black Sabbaths „War Pigs“. Da ist das Augenzwinkern schon mitgedacht. An anderen Stellen säuselt sich eine Pedal-Steel träge in den Sonnenuntergang. Oder ein unverschämter Bass spaziert auf Lou Reeds „Wild Side“.

Auch der US-Pop der Sixties manifestiert sich nicht nur in der Tolle Alex Turners. „Like the beginning of Mean Streets you could be my baby“, zitiert das sexy groovende „Knee Socks“ Martin Scorsese und die Ronettes. Überhaupt ist AM eine Fundgrube für aus der Zeit und dem american diner gefallene Pop-Lautmalerei von „Uh uh“ bis „Shoo bab“. In der Kategorie schmalzig schwofender Popsongs hat es Turner ohnehin zur Meisterschaft gebracht. Wenn einem die Band in „Mad Sounds“ unter Vorankündigung hinterrücks ein „Uh, la, la, la“ über den Schädel zieht, glaubt man, gestorben und im Pop-Himmel gelandet zu sein.

Die Arctic Monkeys sind 2013 vieles, aber nicht überflüssig. Dandy-Stoner, große Pop-Schmalzlocken, eine sexy Gitarrenband – geschult am hüftschwingenden Rhythmusverständnis des R’n’B. Oder wie Alex Turner es ausdrückt: „It sounds like a Dr. Dre beat, but we’ve given it an Ike Turner bowl cut and then we’ve sent it galloping across the desert on a Stratocaster.“ Kommt hin. Auf jeden Fall klingt das beste Album ihrer Karriere nach mächtig „helter skelter“ („Arabella“), mindestens „2000 light years from home“ („I Want It All“). Very british, indeed.

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