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Online Journal für populäre Kultur

Monat: Oktober, 2013

What‘s Eating Sasha Grey

by Sebastian Ladwig

Am Ende bleibt es langatmiges Rumgeficke auf über 300 Seiten. Die Juliette Society, der Debütroman der ehemaligen Pornodarstellerin Sasha Grey, überzeugt trotz einiger mäßig interessanter Ansätze nicht. Die oft als Postfeministin beschriebene Autorin exerziert parareligiösen Spermakult und die unbedingte Verbindung von Sex und Macht. Dabei liefert sie ihre Protagonistin zu leicht einer Männerwelt aus, in der auch der Geschlechtsverkehr von kapitalistisch obszöner Maßlosigkeit geprägt ist

Am 13. März 1988 starb John Holmes, der größte Pornostar seiner Generation und der erste, der es trotz einer Karriere in einer tabuisierten Industrie zum Popstar geschafft hatte. Seine Reinkarnation ließ nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, am 14. März 1988, erblickte Marina Ann Hantzis das Licht der Welt.

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23 Jahre und rund 200 Hardcore-Filme später beendete die mittlerweile unter dem Pseudonym Sasha Grey bekannte Schauspielerin ihre Karriere in der Sexfilm-Industrie. In fünf aktiven Jahren ist sie zu einer Ausnahmeerscheinung der zeitgenössischen Popkultur geworden und nennt sich heute auch Autorin, Fotografin, Musikerin, Filmproduzentin. Ist Sasha Grey eine Künstlerin auf der Höhe ihrer Zeit oder nur ein weiteres Mädchen, das in einer zweifelhaften Industrie Sex vor der Kamera hatte?

Während Holmes den Ausstieg aus der Industrie sowohl finanziell wie auch persönlich nie verkraftet hat und letztendlich an exzessivem Drogenkonsum gestorben ist, wirkt Grey in ihren Interviews sehr gefasst. Sie zitiert Nietzsche und die Regisseure der Nouvelle Vague. Irgendwie will das beliebte Etikett des naiven Mädchens, das aus sexueller Unsicherheit zu früh von der menschenverachtenden Maschine Pornoindustrie ausgenutzt wurde, nicht an ihr haften bleiben.

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Superheldenjäger mit Legitimationsproblem

by Julian Dörr

Im US-TV legte Agents of S.H.I.E.L.D., ein Spin-Off aus dem Universum der Marvel-Superhelden-Filme, gerade den besten Serienstart seit vier Jahren hin. Doch erscheinen die Geschichten rund um geheimdienstliche Überwachung und den Schutz der Bürger im Zeitkontext nun wie eine Versöhnung Amerikas mit der NSA. Ein Why We Fight für die Internetgeneration

Wäre Franz Kafka ein zeitgenössischer Autor, der berühmte erste Satz seines Romans Der Prozeß würde wohl wie folgt lauten: „Jemand musste die Datenströme des Josef K. überwacht haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Die Verleumdung, die Denunziation von Individuen durch Individuen, erscheint im Jahr des Edward Snowden und der NSA-Affäre wie ein immer schwächer werdender Funkspruch aus einer vergessenen analogen Welt.

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Bespitzelung im großen Stil. Von jeher war sie das Steckenpferd der Geheimpolizei in totalitären Staaten. Gestapo, Stasi, die fremden Männer in Josef K.s Zimmer. Das Erschütternde an den Enthüllungen Snowdens, eines ehemaligen Mitarbeiters der amerikanischen National Security Agency (NSA), zeigte sich jedoch in der Bestätigung düsterer Vorahnungen. Technischer Fortschritt führt zu effektiverer Überwachung. Ein System vor dem selbst große Demokratien wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien nicht zurückschrecken.

Die westliche Welt steht deshalb heute vor einem Legitimationsproblem. Ist diese organisierte Überwachung von weltweiten Datenströmen tatsächlich die einzige Möglichkeit zur Wahrung der Sicherheit des Einzelnen? „Defending Our Nation. Securing The Future“, verspricht der Schriftzug auf der offiziellen Seite der NSA. Und auch der deutsche Innenminister Friedrich sprang reflexartig hinterher in diese Nesseln, als er das „Supergrundrecht“ der Sicherheit ausrief.

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Ich werde hier sein im Sonnenschein

by Sebastian Ladwig

Die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die bisher mit Dokumentationen wie Weil der Mensch ein Mensch ist und Die große Pyramide in Erscheinung getreten ist, hat ihren ersten Spielfilm gedreht. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht, dessen umstrittener, großartiger Abenteuerroman Imperium im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte

Finsterworld ist ein Film, wie man ihn in Deutschland so eigentlich nicht kennt, der aber gleichzeitig nur hier entstehen konnte. Diagnostisch, schwer greifbar, sehnsüchtig und wahrhaftig. Vielleicht bedurfte es dem weltreisenden Ehepaar Finsterwalder/Kracht, um einen Blick zu finden, der gleichzeitig von innen und außen auf die Bundesrepublik gerichtet ist.

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Der episodisch erzählte Film spielt, anders als es der Titel erwarten lässt, in einem Parallel-Deutschland, in dem immer die Sonne scheint. Die Finsternis herrscht im Seelenleben der Protagonisten. Es gehört zur filmeigenen Dialektik, dass die visuelle Ebene kontrapunktisch zur Handlungsebene verläuft. Bereits die ersten Bilder, die man zu sehen bekommt, muten aufgrund des sie begleitenden Cat-Stevens-Songs fast kitschig an, führen aber doch direkt hinein ins Herz der Finsternis eines sterbenden Landes, das bewiesen hat, dass es kein Talent für Utopien hat und nun in der Ödnis versinkt.

Die Schulklasse auf KZ-Ausflug grüßt ihren Lehrer mit „Heil Hitler“ und dann sind doch alle sprachlos, wenn sie in ihren Schuluniformen in Auschwitz stehen. Der Lehrer Nickel, möglicherweise an Krachts Weggefährten und früheren Co-Autoren Eckhart Nickel angelehnt, kommt der Blaupause des tragischen Helden noch am nächsten. Er belehrt pausenlos und bietet mit seiner ununterbrochenen Bewusstmachung die einzig mögliche Antwort auf den Umgang mit dem eigenen Deutschsein.

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Der Mythos des Narziss

by Julian Dörr

Einer der produktivsten Filmemacher der vergangenen Jahrzehnte verabschiedet sich mit einem campy Schwanengesang voller Glitzer und geglätteter Gesichter. Zum Abschied schenkt Steven Soderberghs angeblich letzter Film Behind the Candelabra dem Kino ein kleines Epos der Selbstoptimierung

Kalifornien. Das Land, in dem Smoothies und Energydrinks fließen. Wo die Schönen noch schöner sind und die Reichen noch reicher. Wo die Eroberung des Westens auf die physische Grenze des Pazifiks stieß. Und wo der amerikanische Glaube an die ständige Verbesserung des Lebens durch Technik und Willensstärke bis heute immer neue Start-Ups, Selfmade-Millionäre und Lebenskünstler hervorbringt. Zwischen diesem Kalifornien und Las Vegas, Metropole der Künstlichkeit, verlief das Leben des Walter Liberace. Prunk-Pianist, Popstar, Egomane.

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Diesem Menschen hat nun Steven Soderbergh, der große Workaholic des US-amerikanischen Films, der ewige Spurwechsler zwischen Independent-Perlen und Hollywood-Blockbustern, seinen letzten Film gewidmet. Behind the Candelabra ist ein Fernsehfilm für nicht-amerikanische Kinoleinwände, eine Produktion des Bezahlsenders HBO. Und ein Biopic über das Leben des Liberace, einer der hellsten Sterne am Firmament der Glitzerstadt Las Vegas.

Ein Mann, besessen von Luxus und Kitsch, vom überbordenden Prunk eines Ludwigs II. von Bayern. Aber vor allem besessen von sich Selbst. Ein nach langer Krankheit wiederkehrender Michael Douglas taucht diesen heimlichen Homosexuellen in ein Wechselbad aus verletzlicher Zartheit und eiskalter Zielstrebigkeit.

Behind the Candelabra erzählt von einer Liebesgeschichte hinter den Kulissen, verschlossen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der alternde Entertainer Liberace verfällt dem blonden Adonis Scott Thorson (Matt Damon). Umgeben von Jacuzzis, Putten und meterlangen Pelzmänteln entwickelt sich ein außergewöhnliches Liebesverhältnis.

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