Der Mythos des Narziss

von Julian Dörr

Einer der produktivsten Filmemacher der vergangenen Jahrzehnte verabschiedet sich mit einem campy Schwanengesang voller Glitzer und geglätteter Gesichter. Zum Abschied schenkt Steven Soderberghs angeblich letzter Film Behind the Candelabra dem Kino ein kleines Epos der Selbstoptimierung

Kalifornien. Das Land, in dem Smoothies und Energydrinks fließen. Wo die Schönen noch schöner sind und die Reichen noch reicher. Wo die Eroberung des Westens auf die physische Grenze des Pazifiks stieß. Und wo der amerikanische Glaube an die ständige Verbesserung des Lebens durch Technik und Willensstärke bis heute immer neue Start-Ups, Selfmade-Millionäre und Lebenskünstler hervorbringt. Zwischen diesem Kalifornien und Las Vegas, Metropole der Künstlichkeit, verlief das Leben des Walter Liberace. Prunk-Pianist, Popstar, Egomane.

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Diesem Menschen hat nun Steven Soderbergh, der große Workaholic des US-amerikanischen Films, der ewige Spurwechsler zwischen Independent-Perlen und Hollywood-Blockbustern, seinen letzten Film gewidmet. Behind the Candelabra ist ein Fernsehfilm für nicht-amerikanische Kinoleinwände, eine Produktion des Bezahlsenders HBO. Und ein Biopic über das Leben des Liberace, einer der hellsten Sterne am Firmament der Glitzerstadt Las Vegas.

Ein Mann, besessen von Luxus und Kitsch, vom überbordenden Prunk eines Ludwigs II. von Bayern. Aber vor allem besessen von sich Selbst. Ein nach langer Krankheit wiederkehrender Michael Douglas taucht diesen heimlichen Homosexuellen in ein Wechselbad aus verletzlicher Zartheit und eiskalter Zielstrebigkeit.

Behind the Candelabra erzählt von einer Liebesgeschichte hinter den Kulissen, verschlossen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der alternde Entertainer Liberace verfällt dem blonden Adonis Scott Thorson (Matt Damon). Umgeben von Jacuzzis, Putten und meterlangen Pelzmänteln entwickelt sich ein außergewöhnliches Liebesverhältnis.

Steven Soderbergh zeigt uns all das mit einer klinischen Distanz, die auf der einen Seite dafür sorgt, dass sich die großen menschlichen Gefühle und auch die Empathie des Zuschauers zuweilen in der raumgreifenden Hybris des Dekors verlieren. Auf der anderen Seite erschafft der Regisseur so aber auch eine keimfreie und konzentrierte Umgebung für das beherzte Aufspielen seines großartigen Casts, der vom Liebespaar Douglas/Damon über Dan Aykroyd als Manager bis hin zu Rob Lowe als dauerbedröhnter Schönheitschirurg Dr. Startz reicht.

Man kann nun Behind the Candelabra als tragische Liebesgeschichte lesen. Im Schwanengesang des Steven Soderbergh steckt aber noch viel mehr. Geht es hier im Kern doch um Selbstoptimierung und die Art und Weise, wie sie menschliche Beziehungen korrumpiert. Die HBO-Produktion mag zwar ein sorgsam ausgestattetes period picture der späten 70er sein, ihre Thematik hingegen ist brandaktuell.

Es gibt immer eine bessere Version seiner Selbst. Und in die muss man sich verwandeln, um im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf nicht abgehängt zu werden. In der Brust der kalifornischen Religion der Selbstoptimierung schlägt das Herz des entfesselten Kapitalismus. Walter Liberace ist einer dieser entfesselten Kapitalisten, ein Jünger des Überflusses.

Der Entertainer ist wohl auch der größte Selbstoptimierer, der je auf der Leinwand zu sehen war. Liberace ist so verrannt in die Verbesserung seines eigenen Ichs, dass er die Menschen in seiner Nähe in Versionen seiner Selbst verwandeln muss. So erschafft er als moderner Dorian Gray in Scott Thorson auch sein eigenes, lebendiges Bildnis.

Es ist eine tragische Geschichte, die Soderbergh in zwei doch etwas zähen Stunden erzählt. Die Geschichte eines Narziss, der in all den Diamanten und Champagnergläsern nur noch sich selbst erkennen kann. Die Geschichte eines der ersten Opfer einer Ideologie, die vom Kalifornien der Post-Hippie-Ära ihren Siegeszug durch die ganze Welt antreten sollte. Eines Mannes, so geblendet von seinem eigenen Ego, dass er nicht versteht, wie wenig er tatsächlich zu geben hat.

Am Ende ist es dann die Ironie des wahren Lebens, die den freizügigen Liberace in Gestalt des HI-Virus dahinrafft. Ein Leben lang hat der Pianist an der Optimierung seines Körpers, seines Selbst gearbeitet. Der neuen Krankheit AIDS ist sein Organismus hilflos ausgeliefert.

Behind the Candelabra endet mit der Beerdigung Liberaces. Der verstoßene Liebhaber Scott imaginiert im Altarraum einen finalen, funkelnden Auftritt des großen Entertainers. Liberaces letzter Song ist eine Hymne auf die Selbstoptimierung: „To dream the impossible dream. To be better far than you are. To try when your arms are too weary to reach the unreachable star.“ In diesem grandiosen Schlussakkord zeigt uns Steven Soderbergh, wie eng die Ideologie der Selbstoptimierung mit dem amerikanischen Traum verknüpft ist. Und warum das Kalifornien der 70er heute überall auf der Welt liegt.

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