Ich werde hier sein im Sonnenschein

von Sebastian Ladwig

Die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die bisher mit Dokumentationen wie Weil der Mensch ein Mensch ist und Die große Pyramide in Erscheinung getreten ist, hat ihren ersten Spielfilm gedreht. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht, dessen umstrittener, großartiger Abenteuerroman Imperium im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte

Finsterworld ist ein Film, wie man ihn in Deutschland so eigentlich nicht kennt, der aber gleichzeitig nur hier entstehen konnte. Diagnostisch, schwer greifbar, sehnsüchtig und wahrhaftig. Vielleicht bedurfte es dem weltreisenden Ehepaar Finsterwalder/Kracht, um einen Blick zu finden, der gleichzeitig von innen und außen auf die Bundesrepublik gerichtet ist.

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Der episodisch erzählte Film spielt, anders als es der Titel erwarten lässt, in einem Parallel-Deutschland, in dem immer die Sonne scheint. Die Finsternis herrscht im Seelenleben der Protagonisten. Es gehört zur filmeigenen Dialektik, dass die visuelle Ebene kontrapunktisch zur Handlungsebene verläuft. Bereits die ersten Bilder, die man zu sehen bekommt, muten aufgrund des sie begleitenden Cat-Stevens-Songs fast kitschig an, führen aber doch direkt hinein ins Herz der Finsternis eines sterbenden Landes, das bewiesen hat, dass es kein Talent für Utopien hat und nun in der Ödnis versinkt.

Die Schulklasse auf KZ-Ausflug grüßt ihren Lehrer mit „Heil Hitler“ und dann sind doch alle sprachlos, wenn sie in ihren Schuluniformen in Auschwitz stehen. Der Lehrer Nickel, möglicherweise an Krachts Weggefährten und früheren Co-Autoren Eckhart Nickel angelehnt, kommt der Blaupause des tragischen Helden noch am nächsten. Er belehrt pausenlos und bietet mit seiner ununterbrochenen Bewusstmachung die einzig mögliche Antwort auf den Umgang mit dem eigenen Deutschsein.

Alle anderen bewegen sich in diffusem moralischen und lebensgestalterischen Zwielicht, sorglos und unglücklich. Herr und Frau Sandberg wollen kein Naziauto fahren und nicht auf den geringsten Luxus verzichten. Dass ihre egozentrisch intellektuelle Ablehnung von so vielem bei gleichzeitiger Beanspruchung von so vielem, selbst faschistoide Züge trägt, bemerken sie nicht. Und so fahren sie im Cadillac, dessen Logo unwillkürlich zum Hakenkreuz mutiert, über deutsche Autobahnen, auf denen das Todesrasen exklusiv erlaubt ist, um sich einmal frei zu fühlen.

Die von den Sandbergs im Altersheim fast vergessene Mutter hat nur noch über ihren Fußpfleger Kontakt zur Außenwelt. Die Beziehung der beiden ist zeitweise durchaus romantisch und dass er heimlich ihre Hornhaut in Plätzchen backt, um diese dann, ohne das Wissen der alten Dame, rituell mit ihr zu verspeisen, sorgt nicht für den größten Ekel, den man als Zuschauer empfindet. Vielmehr sind es die kleinen Details, die einen gleichzeitig schmunzeln und würgen lassen.

Sei es die Gesichtswurst auf dem Pausenbrot eines Schülers, das Toilettenpapier auf der Brille des Raststättenklos oder der Tick des Fußpflegers Claude, die Preisanzeige an der Zapfsäule der Tankstelle genau bei runden Beträgen anzuhalten. Alles so widerlich vertraut, so teutonisch, so doof. Vielleicht ist es ein ähnliches Gefühl, das Claude befällt, wenn er deutsche Heimatlieder singt. Ein omnipräsentes Fidiralala, das einen anwidert, sich aber auch nicht abschalten lässt, weil es auch irgendwie immer schon da war.

Die ambitionierte Dokumentarfilmerin, möglicherweise Frauke Finsterwalders Alter Ego, strebt Antonionis L‘Eclisse an, findet aber nur stumpfsinnige Unterhemdträger im Plattenbau. Sie will etwas Wahrhaftiges aus ihrer eigenen Lebenswelt dokumentieren und scheitert dabei auch an ihren eigenen Vorurteilen. So dreht sie die ihr lapidar erscheinenden Tierfilme letztendlich irgendwie selbst. Ihre Geschichte findet ihr Ende am Fuße des Kilimandscharo, wo Kracht bereits seinen skurril-satirischen Roman Methan ansiedelte. Und selbst hier mag man nicht an einen gelungenen Ausbruch aus Finsterworld glauben.

Finsterwalders Film zeichnet eine ähnliche Ungreifbarkeit aus, wie man sie aus Krachts Romanen kennt. Die Deutschlandanalyse, die man auch in Faserland und Imperium findet, schwankt  hier zwischen diagnostischer Ernsthaftigkeit und bittersüßer Satire.

Das Enigma Kracht ist schwer zu fassen und die Interpreteure seines Werks begehen oft den Fehler, diesem mit überintellektualisierter Deutungswut gegenüberzutreten, wie zuletzt in einem Interview der ZEIT geschehen. In diesem äußert Kracht, in Deutschland gebe es einen Mangel an Umarmungen. Meint er das Ernst? Sind die Fluffies aus Finsterworld, erwachsene Menschen in Tierkostümen, die sich in leerstehenden Lagerhallen zum Knuddeln treffen, nicht nur ein abfälliger Kommentar auf den Zeitgeist und am Ende kaum mehr als lächerliche Eskapisten, vielleicht gar die einzigen, die eine Chance haben?

Finsterwalders erster Spielfilm ist auch gut, obwohl er ein Episodenfilm ist. Diese Erzählform krankt oft an dem unbedingten Willen ihrer Macher, die einzelnen Geschichten spektakulär kollidieren und ineinander laufen zu lassen. Hier wird auf diese unbedingten Brücken verzichtet und das tut gut.

So ist eine Episode einem Einsiedler gewidmet, der versucht abseits von Finsterworld zu leben, der im Wald Schutz vor der omnipräsenten Sonne sucht. Jene Episode steht fast nur für sich und erscheint wie ein Meta-Kommentar auf das Universum Finsterworld. Denn auch wenn er am Ende des Films eine Art Deus-Ex-Machina-Funktion übernimmt, steht der Einsiedler wohl für die Unmöglichkeit, dieser Welt zu entkommen. Der Unmöglichkeit dem eigenen Deutschsein zu entkommen, der historischen Schuld, der Autobahn, dem Fidiralala.

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