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Online Journal für populäre Kultur

Kategorie: Film

Superheldenjäger mit Legitimationsproblem

by Julian Dörr

Im US-TV legte Agents of S.H.I.E.L.D., ein Spin-Off aus dem Universum der Marvel-Superhelden-Filme, gerade den besten Serienstart seit vier Jahren hin. Doch erscheinen die Geschichten rund um geheimdienstliche Überwachung und den Schutz der Bürger im Zeitkontext nun wie eine Versöhnung Amerikas mit der NSA. Ein Why We Fight für die Internetgeneration

Wäre Franz Kafka ein zeitgenössischer Autor, der berühmte erste Satz seines Romans Der Prozeß würde wohl wie folgt lauten: „Jemand musste die Datenströme des Josef K. überwacht haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Die Verleumdung, die Denunziation von Individuen durch Individuen, erscheint im Jahr des Edward Snowden und der NSA-Affäre wie ein immer schwächer werdender Funkspruch aus einer vergessenen analogen Welt.

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Bespitzelung im großen Stil. Von jeher war sie das Steckenpferd der Geheimpolizei in totalitären Staaten. Gestapo, Stasi, die fremden Männer in Josef K.s Zimmer. Das Erschütternde an den Enthüllungen Snowdens, eines ehemaligen Mitarbeiters der amerikanischen National Security Agency (NSA), zeigte sich jedoch in der Bestätigung düsterer Vorahnungen. Technischer Fortschritt führt zu effektiverer Überwachung. Ein System vor dem selbst große Demokratien wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien nicht zurückschrecken.

Die westliche Welt steht deshalb heute vor einem Legitimationsproblem. Ist diese organisierte Überwachung von weltweiten Datenströmen tatsächlich die einzige Möglichkeit zur Wahrung der Sicherheit des Einzelnen? „Defending Our Nation. Securing The Future“, verspricht der Schriftzug auf der offiziellen Seite der NSA. Und auch der deutsche Innenminister Friedrich sprang reflexartig hinterher in diese Nesseln, als er das „Supergrundrecht“ der Sicherheit ausrief.

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Ich werde hier sein im Sonnenschein

by Sebastian Ladwig

Die Regisseurin Frauke Finsterwalder, die bisher mit Dokumentationen wie Weil der Mensch ein Mensch ist und Die große Pyramide in Erscheinung getreten ist, hat ihren ersten Spielfilm gedreht. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht, dessen umstrittener, großartiger Abenteuerroman Imperium im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte

Finsterworld ist ein Film, wie man ihn in Deutschland so eigentlich nicht kennt, der aber gleichzeitig nur hier entstehen konnte. Diagnostisch, schwer greifbar, sehnsüchtig und wahrhaftig. Vielleicht bedurfte es dem weltreisenden Ehepaar Finsterwalder/Kracht, um einen Blick zu finden, der gleichzeitig von innen und außen auf die Bundesrepublik gerichtet ist.

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Der episodisch erzählte Film spielt, anders als es der Titel erwarten lässt, in einem Parallel-Deutschland, in dem immer die Sonne scheint. Die Finsternis herrscht im Seelenleben der Protagonisten. Es gehört zur filmeigenen Dialektik, dass die visuelle Ebene kontrapunktisch zur Handlungsebene verläuft. Bereits die ersten Bilder, die man zu sehen bekommt, muten aufgrund des sie begleitenden Cat-Stevens-Songs fast kitschig an, führen aber doch direkt hinein ins Herz der Finsternis eines sterbenden Landes, das bewiesen hat, dass es kein Talent für Utopien hat und nun in der Ödnis versinkt.

Die Schulklasse auf KZ-Ausflug grüßt ihren Lehrer mit „Heil Hitler“ und dann sind doch alle sprachlos, wenn sie in ihren Schuluniformen in Auschwitz stehen. Der Lehrer Nickel, möglicherweise an Krachts Weggefährten und früheren Co-Autoren Eckhart Nickel angelehnt, kommt der Blaupause des tragischen Helden noch am nächsten. Er belehrt pausenlos und bietet mit seiner ununterbrochenen Bewusstmachung die einzig mögliche Antwort auf den Umgang mit dem eigenen Deutschsein.

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Der Mythos des Narziss

by Julian Dörr

Einer der produktivsten Filmemacher der vergangenen Jahrzehnte verabschiedet sich mit einem campy Schwanengesang voller Glitzer und geglätteter Gesichter. Zum Abschied schenkt Steven Soderberghs angeblich letzter Film Behind the Candelabra dem Kino ein kleines Epos der Selbstoptimierung

Kalifornien. Das Land, in dem Smoothies und Energydrinks fließen. Wo die Schönen noch schöner sind und die Reichen noch reicher. Wo die Eroberung des Westens auf die physische Grenze des Pazifiks stieß. Und wo der amerikanische Glaube an die ständige Verbesserung des Lebens durch Technik und Willensstärke bis heute immer neue Start-Ups, Selfmade-Millionäre und Lebenskünstler hervorbringt. Zwischen diesem Kalifornien und Las Vegas, Metropole der Künstlichkeit, verlief das Leben des Walter Liberace. Prunk-Pianist, Popstar, Egomane.

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Diesem Menschen hat nun Steven Soderbergh, der große Workaholic des US-amerikanischen Films, der ewige Spurwechsler zwischen Independent-Perlen und Hollywood-Blockbustern, seinen letzten Film gewidmet. Behind the Candelabra ist ein Fernsehfilm für nicht-amerikanische Kinoleinwände, eine Produktion des Bezahlsenders HBO. Und ein Biopic über das Leben des Liberace, einer der hellsten Sterne am Firmament der Glitzerstadt Las Vegas.

Ein Mann, besessen von Luxus und Kitsch, vom überbordenden Prunk eines Ludwigs II. von Bayern. Aber vor allem besessen von sich Selbst. Ein nach langer Krankheit wiederkehrender Michael Douglas taucht diesen heimlichen Homosexuellen in ein Wechselbad aus verletzlicher Zartheit und eiskalter Zielstrebigkeit.

Behind the Candelabra erzählt von einer Liebesgeschichte hinter den Kulissen, verschlossen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der alternde Entertainer Liberace verfällt dem blonden Adonis Scott Thorson (Matt Damon). Umgeben von Jacuzzis, Putten und meterlangen Pelzmänteln entwickelt sich ein außergewöhnliches Liebesverhältnis.

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Die amerikanische Nacht

by Julian Dörr

Eine Woche im Bannkreis des Kinos ist zu Ende. Zum Abschluss des 31. Filmfests München, eine Reise durch den zeitgenössischen, amerikanischen Film. Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen

Das Schwarz-Weiß-Bild ist ja prädestiniert für diese Art von Film. Da wird ein Gesicht in der Nahaufnahme zur Ikone. Da werden Falten zu Gräben, Schatten unter den Augen zu schwarzen Löchern. Die schweizerische Regisseurin Sophie Huber hätte also für ihr intimes Portrait des amerikanischen Schauspielers Harry Dean Stanton keine geeignetere Ästhetik finden können.

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Und auch die Umstände, unter denen dieser absolute Geheimtipp des diesjährigen Münchner Filmfests gezeigt wird, könnten intimer nicht sein. Draußen hält der Sommer endlich Einzug in der Stadt. Drinnen, das sind die spärlich besetzten Reihen im kleinsten Saal des Kinos an der Münchner Freiheit, erhebt der alte Mann auf der Leinwand wieder seine Stimme zum Gesang.

Ganz behutsam tastet sich die Dokumentation Harry Dean Stanton: Partly Fiction an diesen Mann heran, der lieber singt, als dass er aus seinem langen Leben erzählt. Sie lässt berühmte Filmpartner (David Lynch, Kris Kristofferson) ebenso zu Wort kommen wie persönliche Weggefährten. Herzergreifend die Begegnung mit dem Barkeeper, der Stanton seit 1968 seine Drinks serviert.

Seine Auslassungen sind die Stärken dieses Films, der am Ende doch einen Einblick in die wundersame Persönlichkeit seines Protagonisten gewährt. Harry Dean Stanton, der Tiefstapler und Schweiger, ist fasziniert und überzeugt von der Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz im großen Ganzen des Universums. Wie er denn erinnert werden möchte? „Doesn’t matter.“

Das amerikanische Kino. Der ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton prägt es seit Jahrzehnten. Er hat sie alle erlebt, die großen Ab- und Aufschwünge des Films in Amerika. Das Ende des Studiosystems, New Hollywood, die Postmoderne unter David Lynch. Doch wo steht das amerikanische Kino, einer der Schwerpunkte des Filmfests München, heute? Eine Spurensuche in abgedunkelten Räumen.

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In jedem Traumhaus ein Herzschmerz

by Julian Dörr

Hoch lebe das Kino der Lüge! Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino inszeniert in La Grande Bellezza das große, bedeutungslose Blabla des Lebens. Eine meisterliche Hymne auf die Leere der Ewigkeit, die Macht des Films und die Magie der Imagination

Es gibt Filme, die den Zuschauer schlicht überwältigen. Mit dem zauberhaften Duktus ihrer Erzählung, mit der Schönheit ihres Sujets, mit der somnambulen Macht ihrer Bilder, mit dem alten Tanz von Realität und Fiktion. Filme, die Ehrfurcht lehren vor der betörenden Magie des Kinos. Filme, die es einem schwer machen, in die Welt draußen vor dem dunklen Saal zurückzukehren. Filme, die ein Menschenleben verändern können.

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François Truffauts schönste Arbeit, L’Homme qui Aimait les Femmes, ist so ein Film. Oder Yasujiro Ozus Generationen-Meditation Tokyo Monogatari. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino hat sich nun eingereiht in die Riege dieser Leinwandmagier. Sein neuer Film La Grande Bellezza ist ein majestätisches Meisterwerk. Und der filmische Höhepunkt des diesjährigen Münchner Filmfests.

Im Zentrum steht überlebensgroß Sorrentinos Haus- und Hofschauspieler Toni Servillo als alternder Lebemann Jep Gambardella. Er ist der Mittelpunkt, um den sich das Leben der römischen upper class dreht. Desillusionierte Intellektuelle, verarmte Aristokraten, koksende Schauspielerinnen und lukullische Kardinäle. Sie alle treffen sich auf Jeps Terrasse, zu dekadenten Festen oder intimen Gesprächsrunden. Und immer zum Greifen nahe, das Kolosseum, dieses ewigste Bauwerk der Ewigen Stadt.

Paolo Sorrentino inszeniert Rom, die heimliche Hauptdarstellerin von La Grande Bellezza, mit traumwandlerischer Traurigkeit. Sakrales und Profanes mischt sich auf den gepflasterten Straßen. Doch in all den Prachtbauten und Traumvillen, hinter all den Selbstdarstellern und Lebenskünstlern, wohnt eine gähnende Leere, eine schmerzliche Unvollständigkeit, eine lähmende Bedeutungslosigkeit.

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Die Stunde des Anarchisten

by Julian Dörr

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Filmfest München präsentiert Nicolas Winding Refn seinen neuen Film Only God Forgives. Ein Werk von erhabener Konsequenz, das in seiner brillanten Einfachheit den Vorgänger Drive in den Schatten stellt

Und dann zückt der alte Mann mit schlohweißem Haar seine Tarot-Karten und sieht in die Zukunft. Alejandro Jodorowsky, der Psychomagier und letzte, große Wahnsinnige des Kinos, ist zu Gast in der Black Box im Münchner Gasteig. Denn das Filmfest ehrt den surrealen Visionär in diesem Jahr mit einer Retrospektive. Mit ihm auf der Bühne, der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn. Er ist der Mann, in dessen Zukunft hier heute geblickt wird.

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Refn präsentiert auf dem Filmfest München sein neues Werk Only God Forgives, Nachfolger des von der Kritik überschwänglich gefeierten Drive. Um die Story dieser kurzen, heftigen Eruption von einem Film wiederzugeben, braucht es nur wenige Worte. Denn sie absolut zweitrangig. Der Amerikaner Julian (Ryan Gosling), Drogendealer und Besitzer eines Boxclubs in Bangkok, sinnt gemeinsam mit seiner Mutter (Kristin Scott Thomas) auf Rache für den ermordeten Bruder Billy (Tom Burke).

Was sich in den folgenden 90 Minuten auf diesem minimalen Fundament der Emotionen aufbaut, ist nichts anderes als eine überstilisierte und hoch artifizielle Schlachtplatte. Und in eben dieser Reduktion übertrifft Only God Forgives seinen Vorgänger Drive um Längen.

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Kritischer Systemfehler

by Julian Dörr

Drei Filme. Drei Nationen. Drei Geschichten über Menschen im Räderwerk der Institutionen zwischen Kapitalismus, Globalisierung und dem Traum von der besten aller möglichen Welten

Wenn man denn so wollte, könnte man von einer kleinen Systemfilm-Reihe sprechen, die das Filmfest München in diesem Jahr seinen Zuschauern präsentiert. Die pervertierten Moralvorstellungen der Finanzwelt, Mordfälle in China und ein zögerlicher Fundamentalist. Drei sehr unterschiedliche Filme erzählen drei sehr unterschiedliche Geschichten. Was sie eint, ist ihr besonderer Blick auf die Rolle des einzelnen Menschen im Räderwerk der Institutionen, im Tauziehen der Systeme.

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Der französisch-griechische Regie-Altmeister Costa-Gavras ist persönlich angereist, um sein aktuellstes Werk vorzustellen. Le Capital, ein Blick hinein in den Kopf eines Machtmenschen. Ein skrupelloser Stratege auf seinem Weg an die Spitze einer europäischen Bank. „Ein Film, der Sie schockieren möchte“, wie der 80-Jährige seinem Publikum kurz vor Beginn der Vorstellung mitgibt.

Man sollte nicht den Fehler begehen und in Le Capital nach der Wahrheit suchen. Denn trotz seiner Verankerung in der Realität ist dieser Film nicht mehr und nicht weniger als eine deftige, überzeichnete Satire. Und eine bitterböse noch dazu. Eine, bei der einem das Lachen mehr als einmal im Hals stecken bleibt. Der französische Stand-Up Comedian Gad Elmaleh gibt Marc Tourneuil, den Robin Hood der Reichen, den großen Spieler.

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Der Realismus ist ein Humanismus

by Julian Dörr

Die Liebe zweier Frauen in der unüberbrückbaren Kluft sozialer Milieus und menschlicher Lebensanschauungen. Mit La Vie d’Adèle gelingt Abdellatif Kechiche ein beeindruckender Spagat zwischen realistischer Sozialstudie, philosophischer Sinnsuche und der simplen, sinnlichen Schönheit des Menschseins

Die Narben, die La Grande Guerre in der französischen Landschaft und den Köpfen ihrer Bewohner hinterlassen hatte, waren noch nicht verheilt, da drohte am Horizont bereits neues Unheil. Eingeschlossen zwischen zwei faschistischen Systemen durchlebte Frankreich in den Dreißiger Jahren unsichere Zeiten. Düster schien die Zukunft, bedrohlich und fatal.

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Der französische Film der Zwischenweltkriegszeit sog diesen Pessimismus in sich auf. Und katapultierte das Kino binnen weniger Jahre aus der Vormoderne. Regisseure wie Jean Renoir, Marcel Carné und Jean Vigo schufen überhaupt erst einen filmischen Realismus, den sogenannten Poetischen Realismus. Ihre vom Schicksal geschlagenen und getretenen, meist proletarischen Helden kämpften sich durch finstere Tage, an deren Ende doch nur die Unausweichlichkeit ihres Scheiterns wartete. Wirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit. Zukunftsangst. Die soziale Realität nahm Einzug in die Kinosäle.

Natürlich erscheint die soziale Realität im heutigen Frankreich dann doch nicht so furchteinflößend wie noch vor beinahe 80 Jahren. Aber dennoch hängt die Eurokrise als drohende Gewitterwolke seit einigen Jahren auch über Mitteleuropa. Korrupte Politiker verstecken Vermögen in Steueroasen. Und tausende Franzosen protestieren gegen eine „Ehe für Alle“.

In diesen Zeiten hat Abdellatif Kechiche seinen Film La Vie d’Adèle gedreht. Doch die Geschichte der jungen Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos), die in ihrer Hingezogenheit zur Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) zunächst ihre Sexualität entdeckt und sich dann auf die Suche nach ihrem Ich, ihrer Erfüllung begibt, ist mitnichten ein politisches Plädoyer für die Gleichstellung aller Formen von Partnerschaft.

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Untod oder Freiheit

by Sebastian Ladwig

Im Innern, da ist nichts als Leere. Marc Forsters Zombie-Katastrophenfilm World War Z hetzt seinen Protagonisten Brad Pitt auf der Jagd nach empfindungslosen Hüllen um die ganze Welt. Und regt den aufmerksamen Zuschauer nebenbei zum Sinnieren über die empathische Kraft des Kinos, das Bezugsgeflecht Mensch-Zombie/Schauspieler-Rolle und das politische Sendungsbewusstsein Hollywoods an

In der Philosophie ist der Zombie jemand, der sich in seinem Verhalten nicht vom gewöhnlichen Menschen unterscheidet, jedoch keinerlei Innenleben hat. Er ist also weder blutrünstig, noch halb verwest, er hat lediglich keinerlei Empfindungen, auch wenn er von solchen berichtet. Er ist funktional zum empfindsamen Menschen völlig identisch. Wenn er an einem schönen Sommerabend im Freien sitzt, wird er etwa die kräftigen Rottöne beschreiben, die am Abendhimmel zu sehen sind. Er wird den Geschmack des Weines, den er gerade trinkt, detailliert wiedergeben.

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Der einzige Unterschied zu einem gewöhnlichen Menschen ist, dass in ihm absolute Leere herrscht. Es fühlt sich nach nichts an, ein Zombie zu sein. Der australische Philosoph David Chalmers untersucht mit diesem Gedankenexperiment das Phänomen Bewusstsein und seine Verankerung in der physikalischen Welt und er bedient dabei eine alte Ungewissheit des Skeptikers. Woher weiß ich, dass du fühlst, was ich fühle, wenn wir denselben Sinneseindruck zu teilen scheinen? Woher weiß ich, dass du überhaupt etwas fühlst?

Ein ähnliches Phänomen finden wir im Kino wieder. Die Charaktere auf der Leinwand verhalten sich wie (mehr oder weniger) gewöhnliche Menschen und haben ganz offensichtlich ähnliche Wünsche und Ängste wie wir. Doch natürlich wissen wir, dass sie all diese Empfindungen nicht wirklich teilen. Wenn Brad Pitt in World War Z mit angsterfülltem Gesicht einer Herde wildgewordener Infizierter gegenübersteht, schaut er in diesem Moment natürlich in eine Kamera und nicht in den Abgrund der wahrhaftigen Apokalypse. Selbst der konsequenteste method actor mag erreichen, dass er in seiner Rolle aufgeht, die von ihm verkörperte, fiktive Figur jedoch spürt nichts. Und doch lassen uns gute Filme diesen Unterschied zwischen uns und unseren Doppelgängern auf der Leinwand vergessen. Wir werden empathisch, leiden und freuen uns mit ihnen und nehmen ihre Expertise manchmal gar mit in den eigenen Alltag. Manche Filme lassen uns die Leinwand-Zombies für 90 Minuten als vollwertige Gegenüber akzeptieren. World War Z ist so ein Film.

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Das Feuer in uns allen

by Julian Dörr

Derek Cianfrance liefert mit The Place Beyond the Pines den ersehnten Nachfolger zum gefeierten Blue Valentine. Und legt ein episches Melodrama über Väter, Söhne und die Unausweichlichkeit ihres familiären Erbes vor, das mit seiner emotionalen Wucht selbst die kühnsten Erwartungen noch übertrifft

„You can’t start a fire without a spark.“ Wenn die beiden White Trashler Luke und Robin nach dem ersten erfolgreichen Banküberfall halbnackt zu Bruce Springsteens größtem Gassenhauer tanzen, dann packt Regisseur Derek Cianfrance die Enttäuschungen und Schläge, aber auch die Hoffnungsschimmer und Triumphe eines ganzen verkorksten Lebens in eine winzige Szene.

© Focus Features

Es ist der Ausgangspunkt einer der tiefschürfendsten Tragödien des zeitgenössischen Kinos. Die Flamme ist entfacht, das Feuer lodert, der Donner grollt. Dunkle Wolken am Horizont: „If you ride like lightning, you gonna crash like thunder.“ Ein Gänsehautschauer.

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Der Amerikaner Derek Cianfrance, der vor zwei Jahren mit Blue Valentine (2010) das Genre des Liebesfilms brutal entzauberte, hat mit The Place Beyond the Pines nun ein episches Melodrama geschaffen, das die Tiefen der Psyche seiner männlichen Protagonisten schonungslos ausleuchtet. Und auf wundervoll subtile Weise die großen Fragen des Lebens aufwirft.

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