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Online Journal für populäre Kultur

Kategorie: Musik

Geschichten aus dem Hinterwald

by Julian Dörr

Casper, die große Hoffnung der deutschen Musiklandschaft, veröffentlicht sein drittes Album Hinterland. Und die Presse liegt ihm zu Füßen. Dabei ist beim Grenzgänger des Raps nicht mehr zu holen als ein paar billige Amerika-Klischees und ziellose Straßenkampf-Lyrik

„What can a poor boy do except to sing in a rock ’n’ roll band?“, krakeelte vor mehr als 40 Jahren ein zorniger Mick Jagger. Das war 1968, in „sleepy London town“ gab es keinen Platz für einen jungen „street fighting man“ wie ihn. Es war die Zeit der Studentenproteste, der Bürgerrechtsbewegung. Rock ’n’ Roll war Rebellion. Und die Welt im Umbruch.

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Die Zeiten haben sich geändert. Oder etwa nicht? Schenkte man im Sommer 2011 dem deutsch-amerikanischen Rapper Casper Gehör, musste man zwangsläufig einen anderen Eindruck bekommen. Damals stilisierte das Video zum Opener seiner Chartstürmer-Platte XOXO den Straßenkampf in Schwarz. „Der Druck steigt!“, krächzte Casper. Und warf mit allerhand Parolen aus dem Lehrbuch des angry young man um sich. „Raus auf die Straßen!“, „Lauf um dein Leben!“, „Wir holen zurück, was uns gehört?“ Ja, was eigentlich?

Eine Antwort auf diese Frage blieb der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, schuldig. Handelte es sich bei all der Rebellionsromantik etwa um eine Kritik am Finanzkapitalismus? Um einen Aufschrei der ohnmächtigen Jugend Europas im Angesicht ihrer unverschuldeten Unmündigkeit in der Krise? Mitnichten. Viel eher um ein Ventil individuellen Unbehagens. Ein befindlichkeitsfixierter Aufstand, um es mit den Worten Marcus Wiebuschs zu sagen, des drögen Barden neuer deutscher Bürgerlichkeit.

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Fünf Alben westwärts

by Julian Dörr

Uh, la, la, la. Shoo bab, shoo bab. Da war doch noch wer? Zwischen Großbritannien und den USA, zwischen zuckrigem Sixties-Pop, fetten Black Sabbath-Riffs und sexy Hüftschwung haben die Exil-Briten der Arctic Monkeys doch tatsächlich ihr Meisterwerk versteckt

Fortschritt durch Technik. Eine dieser unerschütterlichen Weisheiten Amerikas. Es geht immer höher, weiter, besser, effektiver. Und schneller. Spätestens die digitale Revolution der vergangenen Jahrzehnte und die massenhafte Verbreitung des Internets haben noch ein paar Extra-Kohlen in die Öfen des Fortschritts gefeuert. Die Geschwindigkeit neuer Entwicklungen steigt exponentiell, Trends rasen nur so an uns vorbei.

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Erinnert sich noch jemand an Myspace? Dort hörte man sich in den ersten Jahren des jungen Jahrtausends (soll heißen: in den Jahren vor Facebook) tatsächlich die Musik neuer und heißer Bands an. Und die neuste und heißeste Band hieß 2006 Arctic Monkeys. Eine Bande bleicher, straßenschlauer lads aus dem britischen Sheffield, die ihre Gitarren knapp unter dem Kinn trugen und zum ersten demokratischen Hype des Internetzeitalters wurden.

Es war mal wieder eine gute Zeit für die Pop-Nation Großbritannien. Eine neue Generation von Insel-Bands war in aller Munde und Ohr. Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not, das Debüt der blutjungen Mannen um Sänger Alex Turner, bildete die Speerspitze einer ganzen Reihe erfolgreicher Exportschlager. Und schmeckte nach Zigaretten, Pub-Gelage und dem Schweiß durchtanzter Nächte.

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Kakophonie der Großstadt

by Dennis Pohl

Julia Holters drittes Album Loud City Song führt den Hörer durch Los Angeles. Anhand der Vorlage eines Romanes der französischen Schriftstellerin Colette durchstreift Holter ihre Heimatstadt. Sie findet eine malade Mixtur aus Gossip, Starkult und viel Lärm um nichts. So richtig Pop möchte sie dabei nicht sein – und führt dennoch den Pop zurück zu sich selbst. Ein großes Album

In Vincente Minellis Verfilmung des Musicals Gigi aus dem Jahr 1958 gibt es folgende Szene: Ein Salon der Belle Époque. Ausgelassene Stimmung, es wird gelacht und getrunken. Eine junge Frau betritt in Begleitung eines Mannes der Upper Class den Raum. Plötzliche Stille. Die anwesenden Damen und Herren beginnen synchron zu tuscheln, beobachten sie unentwegt. Kurz darauf setzt die Musik wieder ein, die Party geht weiter. Der Name des Lokals: Maxim‘s.

© Elisabeth Heine

© Elisabeth Heine

Es ist eine eigenartige Szene. Einerseits scheint Maxim‘s ein durchaus freundlicher Ort zu sein. Man lebt, man liebt, ist in guter Gesellschaft. Auch besagte Blicke der Gäste sind durchaus anerkennend. Andererseit jedoch schwingt in diesen Bildern das beklemmende Gefühl der Beobachtung durch andere mit. Man wird Zeuge einer aufgeregten Öffentlichkeit, die nach Geschwätz und Skandälchen giert. Betritt die junge Dame diesen Raubtierkäfig, wird sie von Blicken durchbohrt, bewertet und kritisch beäugt.

Eben jenes Gefühl zwischen Grandezza und klaustrophobischer Enge überträgt Julia Holter in die beiden nach besagtem Lokal benannten Kernstücke ihres dritten Albums in drei Jahren, Loud City Song. Das großartige „Maxim‘s I“ beginnt mit dem analogen weißen Rauschen klirrender Cymbals und mündet in einen Popsong von traumwandlerischer Größe. „Tonight the birds/Are watching me/Do they have/More important things to do?“ Ein Schelm, wer angesichts dieser Vögelchen an Twitter denkt.

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Ausbruch aus der Retro-Falle

by Julian Dörr

Don’t look back in anger? Mit dem Britpop kam die Zerrissenheit der populären Musik zwischen Retro und künstlerischem Fortschrittsdrang im Mainstream an. Die neuen Alben von Suede und Beady Eye lassen nun dieses Paradox der Popkultur wieder aufleben. Brett Anderson reist mit der Zeitmaschine Bloodsports zurück in die Vergangenheit. Und Liam Gallagher spielt unter Produzent Dave Sitek eine durchwachsene Platte ein, die ihn aber dennoch von der Erblast einer ganzen Epoche befreit und den ewigen Proll als neuen Künstler wiedergebärt

Am Anfang steht eine Exkursion in die Vergangenheit. Es war der Tag nach der Revolution. Und Jarvis Cocker erlebte, getragen von seinem bis heute unübertroffenen Gesangsamalgam aus der augenzwinkernden Larmoyanz des ewigen Crooners und dem zynisch-nüchternen Vortrag des großen Gesellschaftsanalysten, den kreativen Zenit. Im Frühjahr des Jahres 1998 veröffentlichte seine Sheffielder Popcombo Pulp This Is Hardcore, den lange erwarteten Nachfolger ihrer großen, späten Durchbruchsplatte Different Class.

Britpop

Dieses Album und vor allem die wahnwitzig erfolgreiche Single „Common People“ hatten Pulp drei Jahre zuvor in die Premier League des britischen Pops aufsteigen lassen. Im Sommer 1995 bildete Jarvis Cocker zusammen mit Damon Albarn von Blur und Oasis’ Liam und Noel Gallagher die heilige Dreifaltigkeit des Britpops, der wiedergefundenen Coolness der Popnation Großbritannien.

In diesen Jahren erlebte die Musikwelt den Aufstieg und Fall eines neuen britischen Popimperiums. Blur triumphierte im medial aufgeblasenen Battle of Britpop über die Rivalen Oasis. Diese rächten sich mit dem unvergleichlichen kommerziellen Erfolg von (What’s the Story) Morning Glory? und schufen nebenbei ein neues Subgenre, den Noel Rock. Doch dann hielt die Hybris Einzug und der ältere Gallagher erklärte Oasis für „bigger than fucking God.“ Am Ende setzten die Brüder aus Manchester selbst mit ihrem dritten Album Be Here Now den drogenbefeurten, paranoid-größenwahnsinnigen Höhe- und Schlusspunkt der gesamten Bewegung.

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Ein Stück Authentizität

by Dennis Pohl

Kurt Vile ist mit seinen Violators im Berliner Bi Nuu zu Gast. Der Sound ist fürchterlich, das Konzert dafür um so besser. Es bedient ein Gefühl, das so alt ist wie die Rockmusik selbst

Tritt man an diesem Abend aus der lauen Berliner Dämmerung hinein ins Bi Nuu, so empfängt einen – Metallica. Jemand muss angesichts Viles Langhaarfrisur die falschen Schlüsse gezogen und ihn voreilig einem bestimmten Genre zugeordnet haben. Oder aber man möchte mit dieser Einstimmung den Effekt von Viles Musik maximieren. In diesem Fall: Chapeau! Denn kaum etwas könnte das Zurückgenommene und Fließende im Sound des 33-Jährigen aus Philadelphia besser verdeutlichen, als die Gegenüberstellung mit der am prominentesten auf den Punkt hämmernden Band der letzen drei Dekaden.

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Das Publikum jedenfalls nimmt es hin. Recht gemischt ist es an diesem Abend: mal jung, mal hip, dann wieder unscheinbar, mittleren Alters und interessiert. Hier und da lassen sich sogar ein paar ergraute Zöpfe ausmachen.

Nach weiteren drei Metallica-Stücken ist es dann so weit. Ein Haarschopf, der dem jungen Robert Plant die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, betritt die Bühne. Flankiert von seinen Violators begrüßt er den Saal mit knappem „Yo!“ und stimmt „Wakin On A Pretty Day“ an, den Opener und Quasi-Titelsong des jüngst erschienenen Albums Wakin on A Pretty Daze. Der Neunminüter mäandert vor sich hin, findet sein Ziel, ohne es zu suchen, und mündet schließlich in eine Art Welle des Gitarrensounds. Überhaupt klingt Vile live kratziger und unfertiger, als seine Aufnahmen suggerieren.

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Retro 3.0

by Dennis Pohl

Es groovt, es funkt, es glitzert, es menschelt. Mit ihrem jüngst erschienenen Album Random Access Memories kehren Daft Punk zur Erde zurück und treten fortan als organische Supergroup auf. Ein Stilbruch? Keineswegs!

„Let the music of your life give life back to music“ befiehlt der altbekannte Daft Punk-Roboter in den ersten Minuten des jüngst erschienenen Albums des französischen Elektro-Duos. Währenddessen bewegt sich das Bein des Rezensenten bereits nach dem ersten Drittel das Openers wie von Geisterhand im Takt. Diesem Imperativ wohnt etwas durchaus programmatisches inne, denn „give life back to music“ ist so etwas wie das Leimotiv von Random Access Memories.random-access-memories1

Alles klingt organischer, weniger techonoid und nach kaltem Weltraum. Es sind echte Gitarren, aus denen Producer-Legende Nile Rodgers den Lendensaft des Funk heraus groovt, und echte Bässe, die besagte Beine wippen lassen. Es scheint, als seien die beiden Disco-Raumfahrer Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo auf der Erde gelandet, um kurzerhand das legendär-ätzende Studio 54 wiederzueröffnen und der tanzaffinen Menge des 21. Jahrhundert mit einem Trupp der edelsten Gastmusiker noch einmal so richtig nach den Regeln der 70er Jahre einzuheizen.

Doch der erste Gedanke, der sich bei der Rezeption dieses Albums einstellt, nämlich, dass Daft Punk ihrem bisherigen Stil abgeschworen hätten, ist ein Trugschluss. Denn wer in den bisherigen 20 Jahren der Existenz dieses Duos genau hingehört hat, der erkennt, dass die beiden ihre Herangehensweise auf Random Access Memories lediglich auf die Spitze treiben.

Denn zwischen den ersten Hits wie „Da Funk“, späteren Großtaten wie „One More Time“ oder „Harder, Better, Faster, Stronger“ und der ersten Single des neuen Albums, „Get Lucky“, lässt sich ein roter Faden erkennen. Der Kitt: die Anleihe bei organischer Musik, bei Rock und Funk.

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Im Arbeitsspeicher der Musikgeschichte

by Julian Dörr

Das Herz des modernen Blechmannes ist verzückt. Mit ihrem ersten Studioalbum seit acht Jahren bringen die beiden französischen Mensch-Maschinen von Daft Punk das Leben zurück in die Musik und die Vergangenheit zurück in die Zukunft. Und schwingen ganz nebenbei das Tanzbein mit der intellektualisierten Popkritik

Das neue Jahrtausend war gerade wenige Monate alt, da tanzte auf allen Musikkanälen, die zu dieser Zeit in blindem Selbstverständnis noch Musikvideos zeigten, ein intergalaktisches Partyvölkchen im Rhythmus einer verzerrten Stimme.

Daft Punk

„One more time we’re gonna celebrate“, war Daft Punks simple Botschaft und man kann diese heute als trotziges Aufbäumen einer Jugend lesen, die ihre musikalische Sozialisation in den hedonistischen Tanztempeln der 80er und 90er Jahre erlebt hatte.

Im Musikvideo endete die letzte Party der blauen Marsmännchen übrigens mit einem finanziell motivierten Kidnapping durch die irdische Musikindustrie. Die Zeit der Unschuld war zu Ende, in der Kunst wie im Leben.

Auf die Analyse eben solcher Zeitkontexte vertraut die Popkritik bei ihren ästhetischen Urteilen. So erkämpfte sie sich einen Platz in den Feuilletons und beendete die Diskurshoheit der Hochkultur. Doch intellektualisierte die Popkritik auch die Rezeption des Pops selbst. Mancher Rezensent vernachlässigte darüber die Balance zwischen Herz und Kopf des Musikhörers. Zwei Seelen wohnten ach in der Brust des Popdiskurses.

Mit ihrem ersten Studioalbum seit acht Jahren versöhnen nun die beiden französischen Roboter-Popper von Daft Punk die Herzen und Hirne von Kritikern, Konsumenten und dem ganzen popsensitiven Rest der Menschheit. Im Laufe ihrer konzeptuell überragenden Platte Random Access Memories verschmelzen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo Organisches mit Anorganischem, Natürliches mit Artifiziellem, Emotion mit Ratio. Der Mensch ist Maschine und auf der Suche nach Erlösung.

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Identitäskrise in Fuzz-Dur

by Dennis Pohl

Mit seinem zweiten Album emanzipiert sich der Kalifornier Mikal Cronin von seiner bisherigen Karriere als Kollaborationskünstler und zeigt die ganze Bandbreite seines Talents. Dabei zelebriert MC II den Sound der Adoleszenz. Ein Sommeralbum für Teenager jeden Alters

Wer hätte diesen Sommer ernsthaft mit Mikal Cronin gerechnet? Oder vielmehr: Wer kannte ihn eigentlich? Jenen notorischen Kollaborationskünstler, der es seit Mitte des letzten Jahrzehnts auf etwa zwei Dutzend Veröffentlichungen in verschiedensten Formationen gebracht hat, am beachtetesten wohl sein Auftritt als Sidekick des kalifornischen Fuzz-Kraftwerks Ty Segall. Unter dem schlichten Titel MC II liegt nun Cronins Zweitwerk als Solokünstler vor.

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Wo sein selbstbetiteltes Debut noch das Ende des College samt erster Liebe vertonte und sich dabei alle Mühe gab, jeden Ansatz von Cronins Talent als Songwriter mit Gitarrenkrach zu kaschieren, profitiert MC II von den darauf folgenden Neuanfängen. Mit Merge Records fand Cronin ein neues Label, siedelte nach San Francisco über und fasste neues Selbstbewusstsein in Instrumentierung und Ausformulierung seiner Songs. Am Ende dieses Prozesses stehen nun 37 Minuten ehrlichsten Power-Pops.

In erster Instanz fällt auf, wie blendend es Cronin über die gesamte Spielzeit des Albums versteht, die Bestandteile jenes Genrebegriffs auszubuchstabieren und für sich genommen auf den Punkt zu bringen. Auf der einen Seite der Pop: Von den zehn Songs, die sich auf MC II finden, besticht jeder Einzelne mit zuckersüßen Melodien von hohem Wiedererkennungswert bis hin zum Addiktiven.
Auf der anderen Seite die Power, dargereicht in Form verzerrter Gitarren. Sie impft Cronins Bubblegum-Jangle die nötige Kraft und Dringlichkeit ein, verhilft ihm vom beschaulichen Indie-Kleinod zur allgemein gültigen Größe.

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