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Online Journal für populäre Kultur

Kritischer Systemfehler

by Julian Dörr

Drei Filme. Drei Nationen. Drei Geschichten über Menschen im Räderwerk der Institutionen zwischen Kapitalismus, Globalisierung und dem Traum von der besten aller möglichen Welten

Wenn man denn so wollte, könnte man von einer kleinen Systemfilm-Reihe sprechen, die das Filmfest München in diesem Jahr seinen Zuschauern präsentiert. Die pervertierten Moralvorstellungen der Finanzwelt, Mordfälle in China und ein zögerlicher Fundamentalist. Drei sehr unterschiedliche Filme erzählen drei sehr unterschiedliche Geschichten. Was sie eint, ist ihr besonderer Blick auf die Rolle des einzelnen Menschen im Räderwerk der Institutionen, im Tauziehen der Systeme.

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Der französisch-griechische Regie-Altmeister Costa-Gavras ist persönlich angereist, um sein aktuellstes Werk vorzustellen. Le Capital, ein Blick hinein in den Kopf eines Machtmenschen. Ein skrupelloser Stratege auf seinem Weg an die Spitze einer europäischen Bank. „Ein Film, der Sie schockieren möchte“, wie der 80-Jährige seinem Publikum kurz vor Beginn der Vorstellung mitgibt.

Man sollte nicht den Fehler begehen und in Le Capital nach der Wahrheit suchen. Denn trotz seiner Verankerung in der Realität ist dieser Film nicht mehr und nicht weniger als eine deftige, überzeichnete Satire. Und eine bitterböse noch dazu. Eine, bei der einem das Lachen mehr als einmal im Hals stecken bleibt. Der französische Stand-Up Comedian Gad Elmaleh gibt Marc Tourneuil, den Robin Hood der Reichen, den großen Spieler.

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Der Realismus ist ein Humanismus

by Julian Dörr

Die Liebe zweier Frauen in der unüberbrückbaren Kluft sozialer Milieus und menschlicher Lebensanschauungen. Mit La Vie d’Adèle gelingt Abdellatif Kechiche ein beeindruckender Spagat zwischen realistischer Sozialstudie, philosophischer Sinnsuche und der simplen, sinnlichen Schönheit des Menschseins

Die Narben, die La Grande Guerre in der französischen Landschaft und den Köpfen ihrer Bewohner hinterlassen hatte, waren noch nicht verheilt, da drohte am Horizont bereits neues Unheil. Eingeschlossen zwischen zwei faschistischen Systemen durchlebte Frankreich in den Dreißiger Jahren unsichere Zeiten. Düster schien die Zukunft, bedrohlich und fatal.

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Der französische Film der Zwischenweltkriegszeit sog diesen Pessimismus in sich auf. Und katapultierte das Kino binnen weniger Jahre aus der Vormoderne. Regisseure wie Jean Renoir, Marcel Carné und Jean Vigo schufen überhaupt erst einen filmischen Realismus, den sogenannten Poetischen Realismus. Ihre vom Schicksal geschlagenen und getretenen, meist proletarischen Helden kämpften sich durch finstere Tage, an deren Ende doch nur die Unausweichlichkeit ihres Scheiterns wartete. Wirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit. Zukunftsangst. Die soziale Realität nahm Einzug in die Kinosäle.

Natürlich erscheint die soziale Realität im heutigen Frankreich dann doch nicht so furchteinflößend wie noch vor beinahe 80 Jahren. Aber dennoch hängt die Eurokrise als drohende Gewitterwolke seit einigen Jahren auch über Mitteleuropa. Korrupte Politiker verstecken Vermögen in Steueroasen. Und tausende Franzosen protestieren gegen eine „Ehe für Alle“.

In diesen Zeiten hat Abdellatif Kechiche seinen Film La Vie d’Adèle gedreht. Doch die Geschichte der jungen Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos), die in ihrer Hingezogenheit zur Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) zunächst ihre Sexualität entdeckt und sich dann auf die Suche nach ihrem Ich, ihrer Erfüllung begibt, ist mitnichten ein politisches Plädoyer für die Gleichstellung aller Formen von Partnerschaft.

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Untod oder Freiheit

by Sebastian Ladwig

Im Innern, da ist nichts als Leere. Marc Forsters Zombie-Katastrophenfilm World War Z hetzt seinen Protagonisten Brad Pitt auf der Jagd nach empfindungslosen Hüllen um die ganze Welt. Und regt den aufmerksamen Zuschauer nebenbei zum Sinnieren über die empathische Kraft des Kinos, das Bezugsgeflecht Mensch-Zombie/Schauspieler-Rolle und das politische Sendungsbewusstsein Hollywoods an

In der Philosophie ist der Zombie jemand, der sich in seinem Verhalten nicht vom gewöhnlichen Menschen unterscheidet, jedoch keinerlei Innenleben hat. Er ist also weder blutrünstig, noch halb verwest, er hat lediglich keinerlei Empfindungen, auch wenn er von solchen berichtet. Er ist funktional zum empfindsamen Menschen völlig identisch. Wenn er an einem schönen Sommerabend im Freien sitzt, wird er etwa die kräftigen Rottöne beschreiben, die am Abendhimmel zu sehen sind. Er wird den Geschmack des Weines, den er gerade trinkt, detailliert wiedergeben.

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Der einzige Unterschied zu einem gewöhnlichen Menschen ist, dass in ihm absolute Leere herrscht. Es fühlt sich nach nichts an, ein Zombie zu sein. Der australische Philosoph David Chalmers untersucht mit diesem Gedankenexperiment das Phänomen Bewusstsein und seine Verankerung in der physikalischen Welt und er bedient dabei eine alte Ungewissheit des Skeptikers. Woher weiß ich, dass du fühlst, was ich fühle, wenn wir denselben Sinneseindruck zu teilen scheinen? Woher weiß ich, dass du überhaupt etwas fühlst?

Ein ähnliches Phänomen finden wir im Kino wieder. Die Charaktere auf der Leinwand verhalten sich wie (mehr oder weniger) gewöhnliche Menschen und haben ganz offensichtlich ähnliche Wünsche und Ängste wie wir. Doch natürlich wissen wir, dass sie all diese Empfindungen nicht wirklich teilen. Wenn Brad Pitt in World War Z mit angsterfülltem Gesicht einer Herde wildgewordener Infizierter gegenübersteht, schaut er in diesem Moment natürlich in eine Kamera und nicht in den Abgrund der wahrhaftigen Apokalypse. Selbst der konsequenteste method actor mag erreichen, dass er in seiner Rolle aufgeht, die von ihm verkörperte, fiktive Figur jedoch spürt nichts. Und doch lassen uns gute Filme diesen Unterschied zwischen uns und unseren Doppelgängern auf der Leinwand vergessen. Wir werden empathisch, leiden und freuen uns mit ihnen und nehmen ihre Expertise manchmal gar mit in den eigenen Alltag. Manche Filme lassen uns die Leinwand-Zombies für 90 Minuten als vollwertige Gegenüber akzeptieren. World War Z ist so ein Film.

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Keimfreie Korrespondenz

by Dennis Pohl

In Here and Now. Letters: 2008 – 2011 senden zwei der wichtigsten Literaten der Anglosphäre ihre Gedanken um die halbe Welt. Man tauscht sich auf überaus elegante Weise über Sport, Politik und das Altern aus. Doch der Briefwechsel gibt in etwa so viel über die Persönlichkeiten Paul Austers und John Maxwell Coetzees preis wie ein etwas längerer Klappentext

Man hat es mit einem sterbenden Subgenre zu tun, keine Frage. Dem Briefwechsel, zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert zu einer tragenden Spielart des wissenschaftlichen und künstlerischen Diskurses gewachsen, geht es schlecht. Kaum ein junger Autor, von dem man erwarten dürfte, dass er diese Art der attentiven Freundschaftspflege mit einem seiner Kollegen betriebe. Und täte er es doch, wirkte es wohl wie eine Pose. Doch was sind die Alternativen? Die gesammelten Inboxes? Eine Instant-Messaging-Chronik? Irgendwie fürchterlich unromantisch.

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So oder so ähnlich dürften wohl auch Paul Auster und J.M. Coetzee, diese beiden ausgewiesen technophoben Schwergewichter des Literaturbetriebs, die Sache sehen. Ihre Korrespondenz umweht stets ein Hauch Retro-Romantik, die Haptik einer über Papier kratzenden Feder. Beide machen einen Bogen um moderne Technik. Coetzee, in dessen Werk auf mirakulöse Weise kaum Technik zu finden ist, schafft es immerhin noch bis zu einem Faxgerät, um seine Briefe aus dem australischen Adelaide zu Auster nach Brooklyn zu schicken. Auster hingegen schreibt stets von Hand, auf einer alten Schreibmaschine, und die wenigen Emails, die er erhält, druckt seine etwas technik-affinere Frau Siri Hustvedt für ihn aus. Einmal beschwert er sich in einem Brief an Coetzee gar darüber, dass in seinem Pariser Hotelzimmer keine Schreibmaschine zu finden sei. So liest sich dann auch diese Korrespondenz: wie ein Bollwerk gegen Emoticons und LoLs.

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Ausbruch aus der Retro-Falle

by Julian Dörr

Don’t look back in anger? Mit dem Britpop kam die Zerrissenheit der populären Musik zwischen Retro und künstlerischem Fortschrittsdrang im Mainstream an. Die neuen Alben von Suede und Beady Eye lassen nun dieses Paradox der Popkultur wieder aufleben. Brett Anderson reist mit der Zeitmaschine Bloodsports zurück in die Vergangenheit. Und Liam Gallagher spielt unter Produzent Dave Sitek eine durchwachsene Platte ein, die ihn aber dennoch von der Erblast einer ganzen Epoche befreit und den ewigen Proll als neuen Künstler wiedergebärt

Am Anfang steht eine Exkursion in die Vergangenheit. Es war der Tag nach der Revolution. Und Jarvis Cocker erlebte, getragen von seinem bis heute unübertroffenen Gesangsamalgam aus der augenzwinkernden Larmoyanz des ewigen Crooners und dem zynisch-nüchternen Vortrag des großen Gesellschaftsanalysten, den kreativen Zenit. Im Frühjahr des Jahres 1998 veröffentlichte seine Sheffielder Popcombo Pulp This Is Hardcore, den lange erwarteten Nachfolger ihrer großen, späten Durchbruchsplatte Different Class.

Britpop

Dieses Album und vor allem die wahnwitzig erfolgreiche Single „Common People“ hatten Pulp drei Jahre zuvor in die Premier League des britischen Pops aufsteigen lassen. Im Sommer 1995 bildete Jarvis Cocker zusammen mit Damon Albarn von Blur und Oasis’ Liam und Noel Gallagher die heilige Dreifaltigkeit des Britpops, der wiedergefundenen Coolness der Popnation Großbritannien.

In diesen Jahren erlebte die Musikwelt den Aufstieg und Fall eines neuen britischen Popimperiums. Blur triumphierte im medial aufgeblasenen Battle of Britpop über die Rivalen Oasis. Diese rächten sich mit dem unvergleichlichen kommerziellen Erfolg von (What’s the Story) Morning Glory? und schufen nebenbei ein neues Subgenre, den Noel Rock. Doch dann hielt die Hybris Einzug und der ältere Gallagher erklärte Oasis für „bigger than fucking God.“ Am Ende setzten die Brüder aus Manchester selbst mit ihrem dritten Album Be Here Now den drogenbefeurten, paranoid-größenwahnsinnigen Höhe- und Schlusspunkt der gesamten Bewegung.

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Architekt der Erinnerung

by Dennis Pohl

Architektur organisiert unsere Umgebung. Doch kann sie auch Einfluss darauf nehmen, wie wir Geschichte wahrnehmen? Stararchitekt Daniel Libeskind hat mit dem Jüdischen Museum in Berlin einen bedeutenden Ort der Erinnerung geschaffen. Er sagt: Architektur kann noch viel mehr

Welche Rolle kann Architektur in einer lebendigen Erinnerungskultur spielen?
Daniel Libeskind:
Informationen, Bildung und Archivmaterial versorgen die Menschen mit Fakten. Aber Architektur geht tiefer. Sie versorgt uns, und das meine ich ganz wörtlich, mit einem Weg, die Welt zu lesen.

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Daniel Libeskind, Copyright: Michael Klinghammer

Wie meinen Sie das?
Architektur sorgt für eine Grundorientierung, erfüllt einen öffentlichen Zweck, sie ist Teil einer Stadt. Sogar ein kleines Gebäude kann dazu aufrufen, dass wir unser Bild einer Stadt neu gestalten. Sie hat das Potenzial, nicht nur einen neuen Gedankengang auszulösen, sondern uns von den Fesseln der Erinnerung zu befreien. Denn ein Teil der Erinnerung beruht wohlmöglich nur auf Gewohnheit und ist damit keine echte Erinnerung.

Was ist „echte Erinnerung“?
Wenn die verbleibenden Zeugen des Holocaust sterben, kann mit Architektur ihre Erinnerung gewahrt werden. Ich kann sie aber auch lebendig machen. Ich kann die Erinnerung zu einer Flamme entfachen, die uns erleuchtet. Architektur kann uns dazu anregen, kreativ mit Geschichte umzugehen.

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Ein Stück Authentizität

by Dennis Pohl

Kurt Vile ist mit seinen Violators im Berliner Bi Nuu zu Gast. Der Sound ist fürchterlich, das Konzert dafür um so besser. Es bedient ein Gefühl, das so alt ist wie die Rockmusik selbst

Tritt man an diesem Abend aus der lauen Berliner Dämmerung hinein ins Bi Nuu, so empfängt einen – Metallica. Jemand muss angesichts Viles Langhaarfrisur die falschen Schlüsse gezogen und ihn voreilig einem bestimmten Genre zugeordnet haben. Oder aber man möchte mit dieser Einstimmung den Effekt von Viles Musik maximieren. In diesem Fall: Chapeau! Denn kaum etwas könnte das Zurückgenommene und Fließende im Sound des 33-Jährigen aus Philadelphia besser verdeutlichen, als die Gegenüberstellung mit der am prominentesten auf den Punkt hämmernden Band der letzen drei Dekaden.

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Das Publikum jedenfalls nimmt es hin. Recht gemischt ist es an diesem Abend: mal jung, mal hip, dann wieder unscheinbar, mittleren Alters und interessiert. Hier und da lassen sich sogar ein paar ergraute Zöpfe ausmachen.

Nach weiteren drei Metallica-Stücken ist es dann so weit. Ein Haarschopf, der dem jungen Robert Plant die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, betritt die Bühne. Flankiert von seinen Violators begrüßt er den Saal mit knappem „Yo!“ und stimmt „Wakin On A Pretty Day“ an, den Opener und Quasi-Titelsong des jüngst erschienenen Albums Wakin on A Pretty Daze. Der Neunminüter mäandert vor sich hin, findet sein Ziel, ohne es zu suchen, und mündet schließlich in eine Art Welle des Gitarrensounds. Überhaupt klingt Vile live kratziger und unfertiger, als seine Aufnahmen suggerieren.

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Das Feuer in uns allen

by Julian Dörr

Derek Cianfrance liefert mit The Place Beyond the Pines den ersehnten Nachfolger zum gefeierten Blue Valentine. Und legt ein episches Melodrama über Väter, Söhne und die Unausweichlichkeit ihres familiären Erbes vor, das mit seiner emotionalen Wucht selbst die kühnsten Erwartungen noch übertrifft

„You can’t start a fire without a spark.“ Wenn die beiden White Trashler Luke und Robin nach dem ersten erfolgreichen Banküberfall halbnackt zu Bruce Springsteens größtem Gassenhauer tanzen, dann packt Regisseur Derek Cianfrance die Enttäuschungen und Schläge, aber auch die Hoffnungsschimmer und Triumphe eines ganzen verkorksten Lebens in eine winzige Szene.

© Focus Features

Es ist der Ausgangspunkt einer der tiefschürfendsten Tragödien des zeitgenössischen Kinos. Die Flamme ist entfacht, das Feuer lodert, der Donner grollt. Dunkle Wolken am Horizont: „If you ride like lightning, you gonna crash like thunder.“ Ein Gänsehautschauer.

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Der Amerikaner Derek Cianfrance, der vor zwei Jahren mit Blue Valentine (2010) das Genre des Liebesfilms brutal entzauberte, hat mit The Place Beyond the Pines nun ein episches Melodrama geschaffen, das die Tiefen der Psyche seiner männlichen Protagonisten schonungslos ausleuchtet. Und auf wundervoll subtile Weise die großen Fragen des Lebens aufwirft.

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Flaneur im Sattel

by Dennis Pohl

David Byrne, Frontmann der Talking Heads und ausgewiesenes Multitalent, macht Platz im Sattel: Auf seinem Klapprad nimmt er den Leser mit auf eine Reise um die Welt. Passend zum nahenden Sommer schildert Bicycle Diaries die Freude am Entdecken auf eigene Faust

David Byrne, ein Mann vieler Talente. Sänger, Künstler, Komponist, Talking Head. Außerdem Gelegenheitsautor, Fotograf, Designer und, seit den späten 70er Jahren, Fahrradenthusiast. Byrnes nunmehr drei Jahrzehnte andauernde Radtour nahm in den verstopften Avenues New York Citys ihren Anfang und führte von dort, dank eines reisefähigen Klapprades, durch die Straßen der Städte, in die ihn seine vielen Berufe seither verschlugen.

Bicycle Diaries

Nun vereint Bicycle Diaries eine Auswahl der Erlebnisse des radelnden Byrne in einem Buch. Darin finden sich Geschichten aus entfernteren Städten wie Buenos Aires oder Manila neben Erzählungen zu Sonderfällen amerikanischer Stadtstruktur wie Pittsburgh, Detroit und New Orleans.

Doch wer nun einen zähen Reisebericht eines beflissenen Radfahrers erwartet, liegt falsch. Denn während Byrne durch besagte Orte streift, wird der bloße Akt des Fahrens zur Nebensache. Natürlich ist sein Platz auf dem Fahrrad essenziell für die Beobachtungen Byrnes, doch vielmehr in der Hinsicht, dass er in seinem Fahrrad ein Werkzeug sieht, mit dessen Hilfe er eine „time line through a city‘s history, it‘s glory and betrayal“ verfolgen kann, wie er es in der Episode zu Detroit ausdrückt.

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Die unerträgliche Belanglosigkeit des Seins

by Julian Dörr

Auch in seiner sechsten Regiearbeit zelebriert Terrence Malick das Wunder des Lebens und der Liebe in eindrucksvollen Bildern. Seinen Stil hat der Kritikerliebling in To the Wonder perfektioniert. Das Ergebnis: ein makelloser Parfum-Werbespot

Manche Dinge ändern sich nie. Terrence Malick ist und bleibt das große, öffentlichkeitsscheue Regie-Phantom Hollywoods. Nur produziert er dieser Tage Filme wie am Fließband. Lagen zwischen seinem Debüt Badlands (1973), dessen atemberaubenden Nachfolger Days of Heaven (1978) und dem irrsinnigen Staraufgebot von The Thin Red Line (1998) fünf respektive rekordverdächtige 20 Jahre, hat der Amerikaner zur Zeit vier filmische Eisen im Feuer.

© 2012 Redbud Pictures

So war die zweijährige Wartezeit zwischen The Tree of Life (2011) und dem aktuellen Werk To the Wonder dann auch die kürzeste Zeitspanne zwischen zwei Filmen der lebenden Regielegende. Doch Vorsicht. Mit solchen Begriffen sollte der Kritiker nicht leichtfertig um sich werfen. Tatsache ist, dass Terrence Malick in den ersten 25 Jahren seiner Karriere den Filmenthusiasten dieser Welt drei beinahe makellose Meisterwerke schenkte, die ihn als großen amerikanischen auteur und genialischen Außenseiter etablierten.

Böse Zungen zischten aber schon anlässlich seines vierten Machwerks, der langatmigen Pocahontas-Nacherzählung The New World (2005), von kreativen Haltbarkeitsdaten und der segensreichen Aussicht auf ein baldiges Karriereende. Tatsache ist auch, dass sich Terrence Malicks bisher ehrgeizigstes Projekt The Tree of Life nicht zwischen Welterschaffungsmythos und Familiendrama entscheiden konnte und so auf beiden Gleisen eindrucksvoll ins Leere lief.

Zeit also für den gefeierten Regisseur, die Kritiker endlich Lügen zu strafen. Zu beweisen, dass Quantitätssteigerung nicht zwangsläufig Qualitätsverlust bedeutet. Die gute Nachricht zuerst: Eine konsequentere Entfaltung des Malickschen Stils als in To the Wonder ist schlichtweg nicht vorstellbar. Ein belangloserer und überflüssigerer Film jedoch auch nicht.

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